Rollenspieltheorie: Warum eigentlich?

„Ich spiel seit 30 Jahren <System hier einfügen> und bei uns stehen <die Geschichten / die Charaktere / richtiges Spielen> ganz klar im Vordergrund. Ich brauche Theorie nicht.“

„Theorie ist doch nur pseudophilosopisches Geschwurbel.“

„Diese Theorie unterstreicht mal wieder, dass <mein Spielstil> besser ist als <anderer Spielstil>!“

Das sind die, wenn auch überspitzten, Standardaussagen, über die man so stolpern kann, wenn es um Rollenspieltheorie geht.

Rollenspieltheorie ist (mal wieder) ein hart diskutiertes Thema. Und auch nicht ganz zu Unrecht, wird sie doch gerne wahlweise als Zeichen verkopften Theoretikertums abgetan (gerne als Gegensatz zum praktisch angewendeten und intuitiven „richtigen Rollenspiel“) oder schlicht als Keule gegen Andersspielende verwendet. Bisweilen bekommt man fast den Eindruck, man müsse sich rechtfertigen, wenn man sich mit Rollenspieltheorie beschäftigt.

Aber abseits dieser Schlammschlachten haben sich mir gegenüber viele Teilaspekte der Rollenspieltheorie als ausgesprochen nützlich und hilfreich erwiesen. Das Feld „Rollenspiel“ ist ein recht kleines und bisher scheint sich keine Wissenschaft weiterführend damit beschäftigen zu wollen. Es gibt bei Theater- und Medienwissenschaft, Psychologie, Soziologie und den Game Studies zwar immer wieder kleinere Anläufe, aber oft werden Rollenspiele eher als Beobachtungs- und Testgebiet für bestehende Methoden und Modelle verwendet, statt eigene zu entwickeln. Entsprechend wird die eigentliche Rollenspieltheorie eher von motivierten Laien (wozu ich mich durchaus auch noch zähle) betrieben und Modellbausteine aus unterschiedlichen Fachbereichen entliehen. Daher ist sie noch recht überschaubar. Denn wenn ein neuer Themenbereich fachlich ergründet wird, beginnt man erst einmal damit zu sammeln, zu systematisieren und eine allgemein gültige Terminologie aufzubauen. Dies geschieht leider nicht zentralisiert oder akademisch gestützt, daher entsteht natürlich erst einmal fröhlicher Wildwuchs.

Nichtsdestotrotz liefert sie eine Terminologie, die als Autor und mittlerweile Designer das Leben deutlich einfacher macht, wenn man mit Kollegen zusammen arbeitet. Die Terminologie (auch wenn sie, beispielsweise bei Begriffen wie Failing Forward, hart umkämpft ist) erleichtert die Kommunikation ungemein.

Die Theorie macht modellhaft die verschiedenen Ausrichtungen des Rollenspiels beispielsweise zwischen den extremen Randbereichen Erzählspiel und Konfliktsimulation greifbarer. So hilft sie mir auch Systeme generalstabsmäßig von den ersten Grundfragen bis zum kleinsten Subsystem zu verstehen, zu analysieren und zusammenzufügen. Wenn ich ein System überarbeite und mit Kollegen bespreche, kann ich selbst dann daran arbeiten, wenn ich es aus Spielstilgründen selbst nicht spielen wollen würde. Denn ich kann basierend auf den Designvorgaben und Zielen erkennen, ob das System in seinen Einzelteilen das macht, was es machen soll. So ermöglicht die Theorie es mir, objektiv und mit Abstand an ein Rollenspiel heranzugehen. Persönlicher Geschmack ist so für mich (halbwegs) ausblendbar geworden. Daher gilt: Für mich als Autor ist Rollenspieltheorie ein nützliches Werkzeug.

Braucht man sie als Spieler? Nein, sicher nicht. Aber sie kann helfen, wenn es mal klemmt in der Runde oder man etwas neues ausprobieren will. Und sie hilft auch, mal über den Tellerrand zu schauen.

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9 Antworten zu Rollenspieltheorie: Warum eigentlich?

  1. Rorschachhamster schreibt:

    Was wir wirklich bräuchten, wäre gute Rollenspieltheorie, die irgendwie auf fundierteren Füßen steht als das, was wir so haben. So wie die Rollenspieltheorie aussieht im Moment kann ich nicht umhin, zu behaupten, das die einführenden Zitate öfter korrekt als falsch sind… mMn.

    • eismann2060 schreibt:

      Es gibt eben DIE Rollenspieltheorie nicht, sondern eine etwas diffuse Sammlung an Modellen, Begriffen und Konzepten. Diese sind, wie beschrieben, bereits durchaus zu einem guten Teil nützlich.
      Es wäre schon hilfreich, wenn es eine zentrale Anlaufstation gäbe. Aber dafür bräuchte man überhaupt erstmal eine zentrale Instanz, ob Person oder Institution, auf die man sich einigen kann. So lange das nicht der Fall ist, bleibt die Sache natürlich recht fragmentiert. Aber natürlich wünsche ich mir, dass die Sache tiefergehend angegangen werden könnte, und versuche auch im Rahmen meiner Mittel da was ans Laufen zu kriegen.

    • eismann2060 schreibt:

      In meiner kleinen Welt hätte ich gern mal eine Rollenspiel-Fachtagung. Den ersten Schritt in die Richtung habe ich mit dem Vortrag zu transmedialen Strategien und dem Seminar zur Rollenspielentwicklung schonmal gemacht. Mal schauen, ob da noch mehr geht. Aber es ist halt schon echt special interest.

      • Jan schreibt:

        Definitiv, ja. Ich bin ja selbst wenig „geisteswissenschaftlich vorbelastet“ und mach sowas daher nur auf sehr bescheidenem Niveau, aber RPGnosis schreibt ja auch viel und Rafael Bienna hat ne Doktorarbeit geschrieben (https://bienia.wordpress.com/). Es gibt also trotz der ganzen Motzikies Leute, die sich damit ordentlich beschäftigen.

      • eismann2060 schreibt:

        Ja, Rafael kenn ich. Ich glaube noch von meiner Zeit bei der RPC, aber ich mag mich da irren. So weit ich weiß geht der eher in Richtung LARP, aber ich hab ihn auf dem Schirm. Allgemein gibt es immer mal wieder Arbeiten, von Seminar bis Dissertation, aber eben aus verschiedenen Fachrichtungen relativ gestreut.

      • Jan schreibt:

        Ja, wäre echt schick, wenn sich da etwas konzentriertes entwickelt.

      • Honak schreibt:

        Warst du auf der Jahrestagung der GFF 2014?

      • eismann2060 schreibt:

        Nein, ich meine mich aber daran zu erinnern die Programmpunkte dazu gelesen zu haben.

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