Ein bisschen Links: Strategen und Strategien

Ich recherchiere grade historische Literatur über Militärstrategie, und vielleicht nützt es ja dem einen oder anderen hier. Die Liste ist sicher nicht komplett und ich hab auch noch nicht alle durch, daher kann ich nicht immer was zur Qualität sagen. Aber es sind schon einige der Klassiker.

Für Spielleiter ist das natürlich auch nicht uninteressant. Herausfordernde Antagonisten sind immer so eine Sache. Der einfache Weg ist, sie einfach mit Ressourcen wie Geld oder Truppen vollzustopfen oder ihnen unfairerweise Wissen zuzuweisen, das sie eigentlich nicht haben können. Denn, seien wir ehrlich, einen strategisch denkenden Antagonisten aufzuziehen ist halt nicht immer einfach. Entsprechend können diese Klassiker aus dem Bereich Strategie und Taktik vielleicht ganz hilfreich sein, um den fiesen Obermufti trickreich und vorausplanend auf die Charaktere reagieren zu lassen.

Die Kunst des Krieges von Sun Zi (um 500 v. Chr.): Sollte eigentlich namentlich bekannt sein, das Handbuch eines chinesischen Strategen.

Strategemata von Frontinus (88 n. Chr.): Bei einem Strategem handelt es sich um einen bestimmten Winkelzug, eine Kriegslist oder ein einzelnes strategisches Konzept. Dies ist eine Sammlung solcher Strategemata, in Englisch.

Stratagems von Polyaenus (163 n. Chr.): Inhaltlich verwandt mit den Strategemata von Frontinus.

36 Strategeme von Tan Daoji (436 n. Chr.):  Ich habe mir sagen lassen, dass diese recht simpel gehaltenen Strategem-Sammlung bisweilen auch schon Kindern gelehrt werden soll. Wikipedia-Eintrag.

Die Kriegskunst von Niccolo Machiavelli (1520 n. Chr.): Ich hab es noch nicht gelesen, aber Machiavelli, das kann gar nicht schlecht sein.

Das Buch der fünf Ringe von Miyamoto Musashi (1645 n. Chr.):  Ein Handbuch zu Samurai, Schwertkunst etc., kommt dabei ohne die mit Samurai oft verbundene Ehrtümelei aus, in Englisch.

Vom Kriege von Carl von Clausewitz (1832 n. Chr.): Der Klassiker schlechthin.

Strategische Probleme des Partisanenkriegs gegen die japanische Aggression von Mao Tse Tung (1937 n. Chr.): Unter anderem die Basis von Ho Chi Minhs Strategie des Guerillakrieges  in Vietnam.

 

 

Veröffentlicht unter Geschichte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Tales from the Crypt: Systemausfall

SystemausfallIch hatte gestern mal wieder Systemausfall, den Übergangsband von Shadowrun 3 zu Shadowrun 4, in der Hand. Tja, was soll ich sagen. Ich war damals und bin bis heute nicht sonderlich zufrieden mit diesem Band im besonderen und dem inhaltlichen Übergang im allgemeinen. Die grundsätzliche Idee, eine Art digitale Apokalypse zu veranstalten, war ja noch ganz knuffig, doch alles weitere war… seltsam. Erst einmal wurde sie genutzt, um diverse Altlasten in einem großen Schlag zu entsorgen. DEUS, Winternight und Konsorten wurden in einem großen Badabumm liquidiert. Kann man machen, stört mich nichtmal sonderlich, da sich diese Plotlines eh tot gelaufen hatten. Es ist halt nur ein wenig an den Haaren herbei gezogen. Nun folgen jedoch die Punkte, die mir die Sache verlitten haben:

Der Zeitsprung
Ich kann die Idee nachvollziehen, dass man Altlasten beseitigen und neue Gimmicks möglichst in einem Rutsch einführen will. Aber der Fünfjahressprung von 2065 auf 2070 hat erstens die Frage aufgeworfen, was all die Leute, und besonders natürlich die eigenen Charaktere, in dieser Zeit gemacht haben, und zweitens dazu geführt, dass der eigentliche Gag an der Sache, die digitale Apokalypse, abgesehen von diesem Band gar nicht thematisiert wurde. Matrix stürzt ab, Weltwirtschaft bricht zusammen, Konzerne gehen zu Grunde, Chaos überall, und nichts davon ist spielrelevant. Der Vorhang fällt, fünf Jahre vergehen, und zack, alles ist wie früher, nur mit W-LAN und anderen Namen auf der Cornflakespackung. Hier hätten sich zwei Wege angeboten: Entweder, man zieht die Nummer durch und verstaltet ein von mir aus befristetes Mad-Max-Stadtkriegs-Anarchie-rund-um-die-Welt-Szenario, das sich nach und nach wieder beruhigt, was zum Spielen sicher jede Menge Gaudi gemacht hätte. Oder man forciert die gewünschten Änderungen einfach über eine überschaubare Zeit und spart sich den großen Knall. Großer Technologiesprung, von mir aus sogar dank DEUS, alles ist nun kabellos, KI A verkloppt KI B, diese Winternight-Spackos sprengen sich selbst in die Luft, ingame auch ohne großen Bums in ein paar Jahren zu stemmen. Ist ja jetzt nicht so, als würde das in der Realität nicht auch funktionieren. Es hinterlässt am Ende einen Beigeschmack von „Aufräumen ist mir zu viel Arbeit, ein Zimmerbrand tuts auch.“

Die neue Matrix
Ich war schon immer ein 3er-Fanboy, was nicht ganz überraschend ist, und ich bin nie wirklich mit der vierten Edition warm geworden. München Noir zu schreiben war noch ein großer Spaß, aber die Regeln… hm. Dabei war die Matrix ein besonderer Pferdefuß, und es überrascht mich nicht, dass man bei SR5 nun wieder zurück rudert. Unter SR3 war die Matrix ein Hintergrundelement, das meist dem Spielleiter überlassen war. Es war Motivations- und Informationsquelle, Steuerungs- und Plotelement oder Deko im Hintergrund. Aber das Spiel in der Matrix wurde von vielen Gruppen, nicht ganz überraschend, ignoriert, weil es mechanisch schlecht funktionierte und sich nicht vernünftig in den Rest des Spiels integrieren ließ. Nun war man mit SR4 aber gezwungen, den ganzen Wifi-Kram einzubauen, bis hin zu „wie schirme ich meine Cyberware ab, damit mein eigener Cyberarm mich nicht im Schlaf erwürgt“. Not my piece of cake. Den Wunsch, aus der Technologievorstellung der 80er rauszukommen, kann ich durchaus verstehen. Aber die de facto Selbsthistorisierung des Cyberpunks ist an vielen Fronten nicht aufzuhalten. Es stellt sich also die Frage, wie weit man da die Sache verbiegen will, und ab wann man es als „alternate future from the past“ annimmt.

Rückblickend ist es recht bezeichnend, dass sich mein Beitrag zur deutschen Erweiterung von Systemausfall auf den tobenden Mob und Katastrophenbilder in der ADL begrenzt hat. Die Geschichtensplitter wiederum waren schön zu schreiben. Eine BTL-abhängige Gangerin, die im Bonzenviertel auf Plünderzug geht, ein Manager im Selbstschutzmodus und ein frustierter Sicherheitsmann, das kann nur auf eine Art enden.

Veröffentlicht unter Schreiben, Shadowrun | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar

Was vom Jahr übrig blieb: Von Aventurien ins Regengebirge

Ich gehe mal davon aus, dass mir in den letzten 10 Tagen des Jahres nicht mehr viel  einschneidendes passieren wird. Von daher wird es Zeit für einen Jahresrückblick.

Das Grundregelwerk in voller Pracht

Das Grundregelwerk in voller Pracht

DSA5
Die erste Hälfte des Jahres stand zu einem guten Teil unter dem Zeichen von DSA5. Es war noch einmal ein langer Weg vom DSA5-Betaregelwerk zum fertigen Regelwerk, und es war nicht immer ein leichter. Am Ende muss ich aber sagen, dass ich ganz zufrieden mit dem fertigen Produkt bin. Es gibt sicher einige Punkte, die ich, wäre es meins, meins, meins, sicher anders gemacht hätte, aber es ist jenseits dieses subjektiven Empfindens ein rundes System geworden. Während das Regelwerk noch seinen letzten Schliff bekommen hat, war ich neben viel Kleinkram bereits mit ersten Bauelementen des Kompendiums, ein paar Regeln für das Bestiarium und Teilen des Spielleiterschirmbeilageheftes (ein schönes Wort) beschäftigt. Stärker als bei anderen Büchern hat sich dann aber die postnatale Depression breit gemacht. Ich dachte zuerst, es würde auch mit dem erwartbaren Internet-Buhei, den Schreien der gequälten Opfer hinterhältiger Regeländerungen etc. zu tun haben. Aber seien wir ehrlich:

Ein Licht im Dunkel

Ein Licht im Dunkel

Bei jedem Editionswechsel geschieht das, ich habe das selbst schon mitgemacht, und die Ausflüsse des sprichwörtlichen Hatedoms überraschen mich nicht mehr.
Die Ursache ist viel simpler: Wenn man zwei Jahre lang an einem Buch werkelt, und dieses dann das Licht der Welt erblickt, dann fällt es nicht leicht, „mal eben“ sich in etwas neues einzuarbeiten. Das wird dann noch schwieriger, wenn man nur kleine Teile produziert, und diese dann erstmal im Bearbeitungsnirvana verschwinden, um ein halbes Jahr später gegebenenfalls wieder aufzuploppen. Mit meiner Produktivität ging es entsprechend mit der Motivation zusammen arg bergab. Ein Lichtblick war jedoch die Anthologie Sternenleere. Hierzu habe ich mich ja bereits ausgelassen. Es ist einfach schön, mal was anderes zwischendurch zu machen.

Trier
Gegen Herbst zeichnete sich langsam ab, dass mein Fortgang im akademischen Bereich einen weiten Spruch nach vorne machen würde. Und tatsächlich, seit Mitte November bin ich getreuer wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Trier. Neben meiner schon so lange vor sich hin köchelnden Dissertation bedeutet das Lehre und Forschung im Bereich Serious Games und allgemeiner dem weiten Feld der Game Studies. In den letzten Wochen habe ich mehr Recherche für meine Dissertation betrieben als im restlichen Jahr zusammen, und so langsam nimmt sie spürbar Form an. Die Arbeit zwischen einem Haufen Informatikern ist für einen bekennenden Geisteswissenschaftler zwar bisweilen etwas eigenwillig, aber interdisziplinärer Diskurs ist nie verkehrt.

Das unentdeckte Land
Ich sehe positiv gespannt auf das nächste Jahr. Der Umzug sollte bald von statten gehen, und die ersten paar Unterrichtsstunden sind auch schon für Anfang Januar geplant. Rollenspieltheorie für Game Designer, wird sicher lustig.  Praktischerweise arbeite ich dieses Themenfeld sowieso grade auf, da kommt dann eins zum anderen. Auf längere Sicht freue ich mich sehr, wenn die Dissertation endlich in ihre Startposition geht und ich allgemein wieder die Möglichkeit habe, Studenten zu trakrieren.
Was mein Treiben verlagsseitig angeht, wird meine Tätigkeiten volumenmäßig auf Hobbyniveau herunter gefahren bleiben, schlichtweg mangels Zeit. Wenn ich die letzten Handgriffe für das Kompendium erledigt habe, lockt dann aber auch die große Freiheit. Das Projekt „Das ist die Zukunft“ verspricht jede Menge Entwicklungs- und Schreibspaß an der sehr langen Leine. Ich muss mich nur erstmal in den Hintergrund zu Havena einlesen. Wie es für ein Rollenspielwerk gut und richtig ist, werden es die einen lieben und die anderen hassen. Wer will schon Gleichgültigkeit?

Veröffentlicht unter Das Schwarze Auge, Schreiben | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar

Der Würfel ist tot! Es lebe der Würfel!

Analoger Zufallsgenerator

Analoger Zufallsgenerator

Würfel sind für den Spieler eine heilige Sache. Wenn ein Kickstarter besondere Würfel aus Knochen oder Metall anbietet, oder solche mit LED-Lämpchen und anderem Schnickschnack, wird er schnell mit Geld überhäuft. Manche Spieler wollen nicht, dass andere ihre Würfel anfassen, andere verwahren sie in mit Samt ausgekleideten Holzschachteln und wieder andere exekutieren Würfel, deren Ergebnisse ihnen wie Verrat vorkommen, vorzugsweise vor den Augen ihrer anderen Würfel. Würfel fliegen in Ecken, aus den Fenstern oder erleben ihr Ende unter einem kräftigen Hammerschlag. Anscheinend etwas, was schon vor Jahrhunderten gang und gäbe war, wie folgender Textschnipsel zeigt:

„Zu welcher Raserei sich die Leidenschaft versteigt, bezeugt aus eigener Anschauung Konrad v. Haslau, indem er versichert, gehört und gesehen zu haben, wie man einerseits dem Würfel Ehren erwies, vor ihm sich grüssend neigte, wie man ihn küsste, herzte und pries, bevor man ihn in den Beutel schob, andererseits wie man ihn schlug, dass derselbe alle Viere von sich gestreckt hätte, wenn er, der Würfel nämlich, Leben besässe, und oft rächt sich, wer sein Gut durch ihn verliert, er beginnt unter tobendem Geschrei ihm die Augen auszubrechen, oder ihn mit einem Stein zu zertrümmern oder gar entzwei zu beissen, so dass die arme Beinsubstanz, aus welcher der Würfel verfertigt ist, die Not erleidet.“

Schuster, Heinrich, Das Spiel, seine Entwicklung und Bedeutung im deutschen Recht, Wien 1878, S. 83, bezugnehmend auf Konrad von Haslau, Der Jüngling, 13. Jahrhundert.

Veröffentlicht unter Geschichte, Unfug | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Cthuloide Realität: Kinderfehler

IdeenenzymHier ein kleiner Ausschnitt aus der Zeitschrift Die Kinderfehler – Zeitschrift für pädagogische Pathologie und Therapie von 1896 (der zitierte Artikel beginnt auf Seite 5). Ich denke, alleine aus den Beschreibungen der Kinder kann man einiges machen. Vielleicht geschehen seltsame Dinge in einer Fürsorgeanstalt für Kinder und Jugendliche, und die beschriebenen Jungen stecken bis über die Ohren in der Sache drin. Oder sie sind die Charaktere, die erfahren müssen, dass etwas dunkles hinter den Kulissen der Anstalt vor geht. Aber wer würde schon einem Jungen glauben, dem „mäßiger Schwachsinn“ diagnostiziert wurde?

Oder man sieht es als das, was es ist: Das Zeugnis einer anderen Zeit.

———————————————————————————

Joseph Z.: Vater angeblich gesund; fleißiger, sparsamer Arbeiter.
Mutter luetisch, auch nach ihrer Verheiratung sittlich in keinem guten Rufe stehend; hat viermal geboren; erste Geburt war eine Frühgeburt, Frucht war tot; Eltern nicht blutsverwandt
Der Knabe beim Eintritt in die Anstalt 7 1/2 Jahre alt, klein und schwächlich, von rhachitischem Habitus, Schädel asymmetrisch, Hinterkopf stark entwickelt, Thorax mäßig rhachitisch; Gaumen stark gewölbt; Ohren groß, abstehend. Bei einer während seines Anstaltsaufenthaltes aufgetretenen Augenentzündung empfiehlt der Spezialist eine antiluetische Behandlung.
Vom vierten Monat an Gichter; nervöse Zufälle vom vierten Jahre an, es sind diese nicht eigentlich epileptischer Natur. Der Knabe wird von einer großen Angst befallen, das Gesicht wird blaß; heftiger Schmerz im Kehlkopf, nach welchem er laut schreiend greift. Keinerlei Konvulsionen. Das beim Eintritt über den Knaben abgegebene Zeugnis sagt: »Hat man ihn erzürnt, so treten die Anfälle häufiger auf, ja die Aufregung kann gleich einen solchen hervorrufen. Patient geht das erste Jahr in die Schule, hat aber noch nichts gelernt, er ist ein ungezogener Bengel. Wenn die Anfälle sich häufen, ist er ganz verfahren, seine Intelligenz scheint beschränkt zu sein. Er lacht zu jeder Frage.«
Während seines 6 1 /2 jährigen Aufenthaltes in der Anstalt bot der Knabe in körperlicher wie geistiger Beziehung ein wenig verändertes Bild. Er kam kaum über die Vorschule hinaus, lernte notdürftig etwas lesen und schreiben, rechnen im Zahlenraum 1 — 10. Im Anschauungsunterricht ging es etwas besser.
Über alle Maßen abnorm war sein sittliches Verhalten. Die Klagen über Ungehorsam, Lügen, Stehlen, Verschmitztheit, Verheimlichung der von ihm verübten Unarten kamen jeden Tag vor. Erziehlichem Einfluße war er durchaus unzugänglich. Seine Versprechungen, von nun an recht zu thun, machten stets den Eindruck der Oberflächlichkeit, des mechanisch Angelernten. Wir wußten auch, daß er imstande war, schon in der nächsten Stunde die nämlichen Vergehen sich wieder zu schulden kommen zu lassen. Da er allmählich auch geschlechtlich für andere ein sehr gefährlicher Mensch wurde, waren wir froh, daß die Eltern, unzugänglich der Belehrung über den krankhaften Zustand, glaubten, ihn nun zu Hause behalten zu können und ihn aus der Anstalt wegnahmen. (Sie wollten in Wahrheit ihren geringen Kostgelds-Beitrag sparen.) Der Aufsicht der Anstalt entlassen, verübte er nun die losesten Streiche, trieb sich den ganzen Tag auf der Straße herum, kam oft auch nachts nicht nach Hause, so daß die Eltern schließlich gezwungen waren, ihn wieder einer Anstalt zu übergeben.

Emil G., beim Eintritt in die Anstalt 10 Jahre alt, Italiener, katholisch.
Vater: Maurer. Mutter: Fabrikarbeiterin.
In Beziehung auf Vererbung ist nichts nachzuweisen. Mit 3 Jahren hatte der Knabe Typhus. Für sein Alter etwas klein, aber stämmig, kräftig. Erste Anfälle nach dem Typhus mit 3 Jahren, sie traten später sehr häufig auf. Wasserkopf, Ohren vom Kopf abstehend. Psychisches Verhalten: mäßig schwachsinnig; hat sogar gefällige Handschrift und macht in allen Teilen verhältnismäßig befriedigende Fortschritte. Sonst aber ein überaus schwer zu erziehender Knabe, der sich Ungehorsam. Lügen, namentlich aber tägliche, oft ganz raffinierte Diebstähle zu schulden kommen läßt. Nachts steht er auf, durchsucht im Schlafsaal die Kleider des Wärters, seiner Kameraden und entwendet, was ihm unter die Hände kommt Eines Tages sind in einem größeren Saale sämtliche an den Enden der Rolladen – Riemen angebrachten Ringe abgeschnitten und verschwunden. Nach längerem Leugnen schafft E. G. dieselben zum Teil wieder herbei.
Ebenso weiß er sich den Zugang zu den Dachräumen zu erlisten. Dort entwendet er von sämtlichen Knabenschlitten die Ringe. Ein andermal fehlen an einer Anzahl von Kephirflaschen mit mechanischem Verschluß die am inneren Teil des Porzellanpfropfen angebrachten Gummiringe. Der Verdacht fällt auf eines der Schulkinder. In der Schule fragt die Lehrerin: Wer hat das gethan? »Ich nicht, ich gewiß nicht«, ruft unser Kumpan sofort und gesteht die Missetat erst spät ein. — Im Garten ist nichts, auch nicht die unreifste Frucht sicher vor ihm. Auf eine Besserung glauben wir verzichten zu sollen. Wir können den Knaben wohl beaufsichtigen, aber nicht erziehen.

Gustav M., geb. 30. Mai 1883, trat in die Anstalt am 15. September 1892.
Vater stottert, Mutter hat mehrfach an Melancholie gelitten.
Eltern arm, haben groß Mühe, ihr Fortkommen zu finden, sind aber durchaus rechtschaffen.
Der Knabe hat ein gesundes, kräftiges Aussehen, ist normal gebaut; als einzige Abnormität ist anzuführen: Ohren abstehend, vom Läppchen-Ansatz stark geknickt. Monatlich bis 50, oft sehr starke epileptische Anfälle. Geistig ist der Knabe nur mäßig schwach, so daß er in einer öffentlichen Schule wohl hätte fortkommen können. Er zeichnet recht hübsch und hat auch eine schöne gefällige Handschrift. An ruhigen Tagen ist sein Benehmen gegen ältere Personen äußerst freundlich, höflich, ja geradezu einschmeichelnd. Er benimmt sich anständig, zuvorkommend, dienstfertig.
Doch nun die Schattenseiten in seinem psychischen Verhalten. Der Knabe leidet an einer geradezu raffinierten Stehlsucht Nichts im Haus und Garten ist sicher vor ihm. Um seine Dieberei zu verheimlichen, weiß er die gestohlenen Gegenstände wegzubringen, zu verstecken im Hause, unter Steinen im Garten. Entwendetes Geld sucht er für Näschereien zu verwenden. Dabei lügt er in der ungeniertesten Weise; ist Onanist und sucht auch andere Knaben bei jeder Gelegenheit auf die Seite zu nehmen und zu verführen. Sehr oft läuft er weg, entfernt sich dabei bis zu drei Stunden von der Anstalt, weiß sich auf einem Bauern-Gehöft, das er erst umschleicht, bei den Leuten durch sein gefälliges Benehmen und seine Erzählungen einzuschmeicheln, so daß die Leute Freude an ihm haben und nicht begreifen können, warum ein solch netter freundlicher Knabe in einer Anstalt untergebracht werden soll.
Mit der Zeit wächst die Gefahr, die er für andere Knaben in sittlicher Beziehung ist. Wir sind wegen Mangel an einer besonderen Bewahranstalt durch die Rücksicht auf andere Kranke genötigt, ihn völlig ungebessert zu entlassen, haben aber die Überzeugung, daß er mit der Zeit ein sehr gemeingefährlicher Mensch werden wird.

August G., beim Eintritt in die Anstalt 10 Jahre alt
Vater neigt zu Schlaganfällen mit Lähmungserscheinungen in Sprache und Gliedern. Mutter in größerem Grade nervös; Patient ist das älteste von 4 Geschwistern, 3 sind zu früh geboren, 1 starb bei der Geburt, die Lebenden von zarter Konstitution, aber gesund. A. G., 6 Wochen zu früh geboren, hatte von Jugend an und noch jetzt sehr zarte Konstitution, bleiches schmächtiges Aussehen, gebückte Haltung; macht den Eindruck, als ob ihn ein Windstoß jeden Augenblick umwehen könnte.
Epileptische Anfälle und Schwindel monatlich bis 40.
Intellektuell ist der Knabe normal, jedenfalls ziemlich über der Mittelmäßigkeit. Schulfortschritte sehr gut, flüssige, gefällige Handschrift — »Er hat ein lebhaftes aufgeregtes Wesen, weiß nach dem ihm in der Heimat ausgestellten Zeugnisse die durch Epilepsie bedingte Straflosigkeit im eigenen Interesse auszubeuten.« In geschlechtlicher Beziehung ist der Knabe durchaus unverdorben; ja er wendet sich mit Abscheu von etwaigen Verführern ab und bringt sie zur Anzeige; seine Mutter habe ihm zu Hause gesagt, von solchen bösen Dingen sich durchaus fern zu halten.
Seine leichte Erregbarkeit steigert sich bald zum höchsten Zorn, ja zur Wut, in welcher er weder vor Lehrern noch Vorstehern noch vor der eigenen Mutter zurückschreckt und die heftigsten Drohungen ausstößt. Seine Mutter bedrohte er zu Hause mit dem Beil, ein andermal mit dem Revolver seines Vaters. Auf den Vorsteher der Anstalt geht er einmal erst mit geballten Fäusten, dann mit einem Stuhle los, ihn mit vor Wut bebenden Worten bedrohend. Einen Bruder mißhandelt er auf einem Spaziergang, zerreißt ihm die Kleider, droht, jeden aufzuhängen, der ihm jetzt begegnen würde. Von dem, was ihm befohlen wird, führt er gerade das Gegenteil aus. Kleider und Schuhe will er tragen, wie es ihm beliebt, gegenteilige Anordnungen bringen ihn in Wut. Es sind diese psychischen Erregungen durchaus nicht immer in Zusammenhang mit dem Auftreten der Anfälle.
In diesem Falle ist eine psychische Einwirkung noch nicht ganz vergeblich. Entschiedenes Entgegentreten respektiert er und weiß sich zusammenzunehmen. Noch eher zugänglich ist er jedoch der Liebe und Freundlichkeit — Nicht selten ist sein besseres Betragen Folge kluger Berechnung, um etwa in die Ferien zu kommen oder sich sonst einen Vorteil zu verschaffen.

Karl W. ist der 10jährige Sohn eines deutschen Beamten.
Eltern gesund, Vater intelligent, in angesehener Stellung. Größe des Patienten normal, Aussehen gut, schleichender Gang, lauernder Blick; macht den Eindruck, als ob er stets bereit wäre, sich auf einen zu stürzen oder sich schleunigst zur Flucht zu wenden; feige; keine Epilepsie; Schwachsinn.
Der Knabe ist in seiner Heimat bekannt als ein »kleiner Teufel«, der alle nur denkbaren Streiche ausführt. Postwagen, die auf der Straße stehen, spannt er los, um sie die steil abfallende Straße hinunter rollen zu lassen. Einer Mitschülerin, deren Mutter er eben gegrüßt, ruft er zu: Gehe schnell nach Hause, deine Mutter ist gestorben. Ein andermal rennt er durchs Haus, laut rufend: Feuer, Feuer, es brennt!
Doch ist der Knabe mit andern verträglich, anerkennt bei direkten Befehlen sonst willig die Autorität von Eltern und Lehrern.

Kurt L., bei seinem Eintritt in die Anstalt 12 Jahre alt.
Eltern gesund, sehr kräftig, ohne geistige Defekte.
Der Vater, mit seltener Energie auf den Erwerb bedacht, schwingt sich aus dürftigen Verhältnissen zu großem Wohlstand auf. Der Knabe, schwächlich geboren, hatte bis ins dritte Jahr einen weichen Hinterkopf (offene Fontanelle), später leidet er an epileptischen Anfällen (petit mal). Körperliche Entwicklung normal, mit der Zeit kräftige Konstitution, keine Abnormitäten, ohne besondere Degenerationszeichen. Psychisches Verhalten bei mäßigem Schwachsinn in hohem Grade abnorm; erschwert wird die Erziehung durch Ungehorsam und lose Streiche jeder Art; ist zerstörungs- und genußsüchtig, vernünftigen Einreden durchaus unzugänglich. Beim Anblick eines Pferdebahnwagens verlangt er durchaus, denselben samt Pferd zu kaufen, sein Vater habe Geld genug. Ein schön gewachsener Weinstock am Haus wird von ihm, zwecklosem Zerstörungstrieb folgend, am Boden abgeschnitten.
Beim Eintritt in die Anstalt klagt der Vater, er habe zu Hause, im dem widerspenstigen Wesen seines Sohnes ein Ziel zu setzen, alles mögliche versucht: ihn eingesperrt, geschlagen, mit Stricken gebunden Als der Anstalts-Arzt ihn aufmerksam machte, daß sein Sohn krank und die Ursachen seiner verschiedenen Vergehen in seinem physischen Zustand zu suchen seien, gestand der Vater, dieser Gedanke sei ihm ganz neu, er habe seinen Sohn bis jetzt einfach als einen unartigen, mißratenen Schlingel behandelt, er sehe ein, wie unrecht er gehabt.
Bei dem Knaben nahm freilich die Epilepsie mehr und mehr überhand, und in gleicher Weise nahm seine geistige Fähigkeit ab; er wurde mit der Zeit völlig geisteskrank.

Veröffentlicht unter Abenteuer B/R, Geschichte, Schreiben | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Ein kleiner Schritt für die Menschheit

oldschool black gate

oldschool black gate

…. aber ein großer für mich. Nach gut drei Jahren bei Ulisses geht die Reise weiter, und zwar in eine akademische Richtung. Denn ich bin nun offizieller Scherge der Hochschule Trier. Das dürfte auch dazu führen, dass sich meine Dissertationspläne im Bereich Game Design nun endlich eine Umsetzung erhoffen dürfen.
Bevor nun aber wieder mal die Verschwörungstheoretiker aus ihren Löchern gekrochen kommen: Nein, Ulisses hat mich nicht vor die Tür gesetzt. Ich habe auch nicht zornentbrannt die Sachen hingeschmissen. Ich habe nur nicht mehr die Zeit, mich so sehr um DSA zu kümmern, wie es sinnvoll wäre. Dafür konnte ich mich mit dem Verlag, der mir wie schon so oft sehr hilfreich und korrekt entgegen gekommen ist, darauf einigen, mein eigenes kleines, mit Aventurien verbundenes Projekt weiter zu treiben. Es ist zeitlich nicht fest an den Publikationsplan gekoppelt, was die sukzessive Arbeit am Wochenende, oder schlichtes „Hobbyistenschreiben“, ermöglicht. Oder um es anders auszudrücken: Ich werde sicher noch das eine oder andere für Ulisses schreiben, nur bei weitem nicht mehr in dem Volumen wie bisher. Zum Inhalt werde ich erst was sagen, wenn die Sache etwas konkreter wird, aber soviel sei gesagt:

  1. Der Arbeitstitel lautet „Das ist die Zukunft“.
  2. Meine Arbeitstitel haben üblicherweise wenig bis gar nichts mit dem Inhalt zu tun.

Ich bin ganz zufrieden mit den Spuren, die ich in Aventurien und den neuen Regeln hinterlassen habe (siehe hierzu auch die Publikationsliste) und auch mit denen, die sich erst in ein paar Monaten oder sogar Jahren in Aventurien manifestieren werden.

Für diesen stets dem Beispiel einer Bananenrepublik folgend geführten Blog bedeutet das erst einmal, dass in Zukunft vermutlich mehr theoretische und hoffentlich nicht allzu verkopfte Themen rund um Rollenspiele und Spieleentwicklung ins Rennen gebracht werden. Ich bin sehr gespannt, was kommen mag.

Veröffentlicht unter Das Schwarze Auge, Schreiben | Verschlagwortet mit , , | 3 Kommentare

Ein Blick in die Sternenleere

Ein Licht im Dunkel

Ein Licht im Dunkel

Die Kurzgeschichten-Anthologie Sternenleere für Das Schwarze Auge naht. Das ist nicht zuletzt deswegen erwähnenswert, weil auch ich meinen Hut in diesen Ring geworfen habe.

Um einen kleinen Teaser zu bringen: Es wird um ogrische Mythologie gehen, um Bruderliebe, viel Blut, Füße und zwei gesprächige alte Männer.
Kurz gesagt: Es wird jede Menge Metaplot ins Rennen gebracht.

Strukturell habe ich mich für zwei zeitlich parallel laufende Plots entschieden, die im Wechsel nebeneinander her laufen und sich natürlich auch immer wieder überschneiden. Ich bin allgemein ein großer Freund des Perspektivwechsels, da er die verschiedenen Facetten eines Themas beleuchtet und so deutlich mehr aus ihm heraus holt, als ein einzelner Blickwinkel es ermöglichen würde. Tatsächlich zieht sich der Wechsel der Perspektive durch mehrere Werke, wie beispielsweise Familienbande oder Firuns Flüstern. Das Setting Aventurien kann solche Perspektivwechsel glaube ich sehr gut gebrauchen. Von daher wird man da von meiner Seite aus in Zukunft vielleicht öfter mal was hören.

Reine Belletristik ist eigentlich nicht so mein Ding. Ich habe zwar im Rollenspielsektor schon so ziemlich alles gemacht, was man so machen kann, aber beispielsweise ein Roman fehlt noch. Und so wie es aussieht, wird das auch so bleiben. Es ist einfach nicht mein Spielplatz.

Kurzgeschichten sind daher für mich auch eine gewisse Herausforderung. Sie bieten ein kurzes Schlaglicht, das in komprimierter Form ein Thema aufgreift und pointiert, unterhaltsam und spannend abhandelt. Es ist aber gar nicht so leicht, bei eigenen Texten zu erkennen, ob sie wirklich spannend zu lesen sind. Denn man selbst kennt den Inhalt ja. Es ist eher knifflig, sich selbst zu überraschen. Entsprechend verdamme ich immer mal wieder Probeleser dazu, sich die Geschichten anzutun, um eine grobe Peilung zu kriegen. Dazu kommt die nötige Kompression, bei dem jedes unnötige Beiwerk heraus geschnitten wird. Zumindest bei mir gehört es mit zu den letzten Arbeitsschritten, noch einmal nach Füllwörtern und unnötigen Beschreibungen zu suchen, um den Text schnell und kompakt zu machen. Das frisst natürlich einiges an Zeit. Entsprechend steckt in den wenigen Seiten einer Kurzgeschichte meist deutlich mehr Arbeit drin, als man meinen sollte. Ich denke aber, sie ist diesmal ganz gut geworden. Ist ja nicht so, als würde ich das zum ersten Mal machen.

Veröffentlicht unter Das Schwarze Auge | Verschlagwortet mit , , , , | 4 Kommentare