[Rant] Empörung!

Ich bin grundsätzlich ein eher geruhsamer Mensch, wenn es um Streitereien geht. Ich habe mir in jungen Jahren was Online-Gezänk angeht die Hörner abgestoßen und beteilige mich meist in Onlinedebatten entweder mit mehr oder weniger humorigen Einwürfen oder der Lieferung von Fakten. Auch wenn das rhetorische Arsenal voll gestopft ist, lasse ich das Meiste im Depot. Manchmal können Streitigkeiten auch ganz interessant oder unterhaltsam sein, gerade wenn man sich gegenseitig mit (zumindest gefühlt) besseren Ideen überbieten, die Kreativität sprudelt und der Diskurs immer neue Ideen und Konzepte hochkocht. Und wenn es zur Nabelschau oder schlicht destruktiv wird, kann man immer noch das Thema wechseln.

In den letzten Monaten stößt mir aber, im Großen wie im Kleinen, und in völlig verschiedenen Situationen, zunehmend eins auf: Es gab schon immer Trolle, unsachliche Stänkereien und angebliche Diskussionen, die nur das Ziel hatten, auf irgendjemanden oder irgendetwas einzuschlagen. Das gehört wohl zur distanzierten und gefühlt anonymen Diskussionskultur dazu. Mittlerweile scheint es sich aber eingebürgert zu haben, dass man sich nur noch empört.

Empörung! Ein Bild, ein Zitat, irgendein Detail, und gleich geht es los. Es wird unter das angebliche Licht der analytischen Wahrheit gezerrt und dann werden die Knüppel ausgeteilt. Es wird aufgeblasen und zum großen Ganzen gemacht. Zur großen Pars-pro-toto-Piñata. Hier geht es nicht darum, zu diskutieren. Es geht nicht um Argumente, um Problem und Lösung oder um subjektiv und objektiv, das Verstehen anderer Standpunkte. Empörung ist gerechter Zorn. Zorn auf DIE da. Die da oben, die offziellen oder einfach nur die anderen. Er muss und will gar nicht argumentieren oder verstehen. Er hat Recht. Eine Antwort außerhalb absoluter, uneingeschränkter Zustimmung hat da nicht stattzufinden.

Wirklich schmutzig wird es dann, wenn die Empörung noch den hübschen Anstrich der kritischen Sachlichkeit erhält. In kleine Scheibchen seziert findet sich immer und überall ein Detail, das zum Aufplustern aufregt. Wer da nicht begreift, dass das Detail Kern des Übels oder wenigstens Indiz des Niederganges ist, und es nicht als guten Grund für die gerechte Empörung anerkennt, der ist dumm, naiv oder gehört zu DENEN (der Sprung zur Verschwörungstheorie ist da nicht weit, aber das ist ein anderes Thema). Man ist schließlich Kritiker und Analytiker, wovon auch immer, man ist objektiv, man kennt sich aus. De facto wendet man aber bloß viel Zeit und Energie auf, um etwas scheiße zu finden.

Aber seien wir ehrlich: Es ist so verführerisch und so wunderbar einfach. Es bedarf wenig Anstrengung oder auch nur Auseinandersetzung mit einem Thema (wobei es durchaus dabei hilft, den größten Knüppel zu finden), um dagegen zu sein. Wer sich sorgt, muss keine Gegenargumente fürchten. Man hat keine Arbeit damit und muss sich um keine Konsequenzen scheren, schließlich sagt man ja nur seine Meinung, die muss man ja mal sagen dürfen. Und es finden sich so schnell andere, die genauso besorgt und genauso dagegen sind, und die einen dann dankbarerweise auch noch darin bestätigen, so wie man sie bestätigt. Alle anderen sind die, die bei „wir gegen die“ auf der anderen Seite stehen.

Vielleicht werde ich einfach alt, aber ich bin es leid. Ich bin die Empörerei leid und das große Drama. Ich bin die damit verbundene Selbstgerechtigkeit leid. Und ich bin die Erwartungshaltung leid, man müsse Empörte ernst nehmen. Von mir aus empört euch, vergiftet jede Grundlage, verhindert jeden konstruktiven Diskurs, aber tut das in eurem eigenen Vorgarten. Und erwartet nicht, dass ich daneben stehe und euch dabei applaudiere.

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22 Antworten zu [Rant] Empörung!

  1. clawdeenspielt schreibt:

    Huch, wasn da los? ^^

  2. tagschatten schreibt:

    Nö. Du wirst nicht alt, das Netz radikalisiert sich und wird von Sith bevölkert: They only deal in absolutes. Du erwartest differenzierte OL-Diskussionen, die gibt es (fast) nicht. Wenn ich mich z.B. mal irgendwo einmische – was mittlerweile so gut wie gar nicht mehr geschieht – werde ich in der Regel von allen Seiten beschimpft. 😉 Macht man nicht alles falsch, wenn das passiert.

  3. Falcon schreibt:

    Geht es denn jetzt um RPG? Denn da habe ich nicht das Gefühl. Da wird im Gegenteil imho viel zu viel gejubelt, insbesondere, wenn es Bunt ist, und hochglanz. Und Hardcover!

  4. greifenklaue schreibt:

    Ich weiß nicht, was den Rant ausgelöst hat, aber ich bin vorgestern auch erst über etwas gestolpert, wo sich jemand empörte, wo ich mir auch ur dachte, „Echt jetzt?“. (Es ging um ein Coverzitat eines eZines)

  5. Josch schreibt:

    Danke für diesen Text. Ich teile den Eindruck und habe für mich mit dem Thema Online-Diskussionen auch eher abgeschlossen, gerade wenn’s um DSA geht. Die häufige Verwechslung von „Kritik“ mit „negativem Urteil“, die oft fehlende Trennung von Geschmacksäußerungen und Fehlervorwürfen, die teils arg persönliche Dimension des Ganzen sowie die Neigung, immer kleinlicher zu bemängeln und einmal geäußerte Vorwürfe bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit zu wiederholen, schaffen ein Klima, wo man bestenfalls nicht mehr ernstgenommen wird, wenn man vor den Ärger die wohlwollende Interpretation und vor den öffentlich geäußerten Vorwurf die sachliche Diskussion setzen möchte. Dass die Erkennntnis sich noch mal durchsetzt, dass herablassende Kommentare und Beleidigungen durch den inflationären Gebrauch von ^^, 😉 und Ironieschildern nicht weniger unhöflich werden, wage ich auch nicht mehr wirklich zu hoffen. Das hat trotz Pratchett schon bei multiplen Anführungszeichen nur sehr eingeschränkt funktioniert.

  6. Gumbi schreibt:

    Ich, Eismann, feier dich jetzt mal richtig derbe ab!!!
    Weil…. ich als studierter Game-Designer/Regelwerk-Designer/Abenteuer-Autor/DSA-Redakteur …. viel mehr Ahnung…. ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft( Materie)….KUNST…. als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!…. Wenn sie ehrlich wären, würden sie zugeben, dass du was aussergewöhnliches geschaffen hast!! Das kriegen sie aber nicht hin, weil sie schwach und klein sind! Deswegen sage ich, als einer der es besser weiß, weil ich vom Fach bin: Mit allen Schwaechen, die dieses DSA5-Regelwerk hatte, ist es das bahnbrechendste seiner Art!!! Ich bin unendlich stolz darauf und was ich erreicht habe!!Du bist der Größte!!!! Deine Arbeit ist unglaublich stark!!!!Ich bin meeega stolz auf dich!!!!ps: Deutschland bleibt das Land der Neider….

    Tschuldigung… jaja.. total doof und so.. und unpassend… und blöde… aber ich konnte nicht widerstehen! *g*

  7. LordShadowGizar schreibt:

    Dem Wahnwitz zum Gruße!

    Ein schöner Artikel, der recht viel wahres beinhällt. Den viele Leute scheinen heute einfach eine recht kurze Zündschnur zu haben, und verwenden anscheinend ziemlich gerne das Internet um im schein der ‚Unpersönlichkeit'(so mancher Rantet nicht zwangsweise Anonym, es ist wohl auch das Fehlen eines atmende Gegenübers, das zum’drüber Herziehen‘ verleitet) mal ordentlich Dampf abzulassen.

    Nur einer Sache vermag ich mich hier nicht zu erwehren (^.^)“:
    Auch nach dem 3ten lesens dieses Blogeintrages, (wie er den Stein des Anstoßes hervorzgerrt, unter die Verhörleuchte positioniert und fein säuberlich seziert wird), kriege ich irgend wie den Beigeschmack von ‚Empörungsrant über Empörungsrant‘ nicht ganz weg xDDD! (…Hat schon fast was vom ‚Grotesksong‘ von ‚Die Ärzte‘ ;p)
    *unter-Eismans-Flinte-wegduckt*

    So long and thanks for all the Fish.

    Stefan Fritsch
    alias :
    LordShadowGizar

  8. Torben von Gareth schreibt:

    Empörung ,Kritik, Meinung?
    Ich verstehe das Problem, aber ich glaube nicht, dass der Eismann das vollumfänglich sieht. Das kann ich auch nicht, aber ich versuche den Horizont zu erweitern.
    Es gibt Meinungen. Die dürfen ausfallen wie sie wollen, es sind ja Meinungen und die sind frei. Manche dieser Meinungen sind Empörungen. Nun ist die Schwelle für eine Empörung (oder auch die Schwelle, wann ein Leser etwas Geschriebenes als Empörung versteht) bei jedem Menschen anders. Also ist doch nicht alles, was ich als Empörung verstehe, eine Empörung für alle.
    Und dann gibt es auch noch Kritik. Konstruktive und destruktive. Natürlich ist dem Intellektuellen eine konstruktive Kritik am liebsten, weil sich darauf aufbauen lässt. Aber im Internet gibt’s auch andere. Es ist doch auch eine gewisse Befriedigung, wenn man das Niveau anderer sieht und herabblicken kann :-).

  9. zakkarus schreibt:

    Dieses traurige Thema greift in letzter Zeit die FAZ – http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/catarina-katzer-im-interview-ueber-psychologie-des-internets-14048632-p3.html – in letzter Zeit oft heraus.
    Lieder stelle ich auch fest, daß diese Entwicklung sich nicht nur im Net abspielt sondern auch im öffentlichen Leben der Großstädte anscheinend angekommen ist.
    Die „Billig-Presse“ unterstützt massiv diese Negativentwicklung.

  10. Westwind schreibt:

    Gelassenheit und Toleranz angesichts kommunikativer und gesellschaftlicher Degenerationsprozesse ist eine gefährliche Sache, nmM. darf da die Latte für persönliche Grenzen schonmal niedriger gelegt werden – denn ich nehme das Ganze ebenso wie der Author als zunehmende Kultur der Empörung war, die letztendlich überhaupt keinen Mehrwert für irgendeinen Diskurs oder Schaffen hat. Sie kostet nur Kraft und auch Geld.

  11. Torben von Gareth schreibt:

    Nun ja. Jede(r) darf drei Mal raten, warum Pegida und Co. so viel Zulauf haben …

  12. Pingback: Rollenspielern fehlt Distanz - Arkanil

  13. Vibarts Voice schreibt:

    Tatsächlich drängte sich mir auch gerade der Bezug zu Pegida und Co. auf. Warum wird mir das eigentlich erst jetzt klar? Der empörte Bürger, das sich radikalisierende „wird-man-doch-mal-sagen-dürfen“, das krankhafte Verwechseln von Meinungsfreiheit mit Widerspruchsschutz für das eigene Geschwafel – vielleicht ist der sich vermehrende leicht widerliche Tonfall in Rollenspielforen und Kommentarspalten gar kein originäres Problem von ein paar Nerds, die den Bezug zu den echten Dingen des Leben zunehmend verlieren, sondern eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zur Republik der Unsympathen.

    Ich glaube, da muss ich mal gründlich drüber nachdenken.

  14. FRAZ schreibt:

    Heute wird einfach mehr geschimpft, weil früher einfach ALLES besser war!!!1001!!!
    Das wusste schon mein Großvater und sein Großvater vor ihm.

    Tatsächlich beschleicht mich auch der Eindruck, dass uns die Streitkultur abhanden gekommen ist. Im Netz wird wild gepöbelt, im realen Leben jede Konfrontation vermieden. Beides daneben.

    Trotzdem, verehrter Eismann, bin ich mir nicht sicher, ob es ein guter Weg ist, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Ich lese zwischen deinen Zeilen auch etwas selbstgefällige Empörung, auch wenn ich es nicht so wortgewaltig in Szene setzen kann, wie der erregte Gumbi.

  15. Pingback: Was vom Jahr übrig blieb: Hochschule und DidZ | Das Eisparadies

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