Geschichte als Marke

Ulrich von Liechtenstein bei der Arbeit

Ulrich von Liechtenstein bei der Arbeit

Wenn ein Medienschaffender (ob nun im Bereich Film oder Fernsehen, Belletristik, Comic oder Spiel) den Grundstein für ein neues Produkt legt, hat er vereinfacht gesagt die Wahl, selbst einen Hintergrund, quasi eine eigene Welt, zu entwickeln oder auf eine Lizenz zurück zu greifen.

Vorteile von Lizenzen
Mit dieser Lizenz erwirbt er das Recht, eine bestimmte Marke zu verwenden. Dabei kann es sich um sehr große Marken handeln wie Star Wars oder Herr der Ringe, die global ziemlich vielen Personen bekannt sind, oder um eine aus der kaum überschaubaren Zahl an kleineren. Dies hat der Natur der Dinge folgend gewisse Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist die Bekanntheit der Marke. Manche Konsumenten erwerben Produkte nur, weil sie eben zu einer bestimmten Lizenz gehören. Im Idealfalle ist die Marke daher bei der angepeilten Zielgruppe bekannt und weckt positive, zum Produkt passende Assoziationen. So wären Schmonzetten-Heftchenromane für Senioren mit einer Lizenz für „Das Traumschiff“ besser bedient als mit „Star Wars“, auch wenn letztere allgemein eine größere Verbreitung hat … und es irgendwie schon amüsant wäre.
Mit einer Lizenz erspart man sich einerseits die zum Teil aufwendige Arbeit, dem Konsumenten überhaupt erstmal klar zu machen, worum es überhaupt gehen soll, und kann grade bei starken Lizenzen auf das Interesse des Fandoms bauen.

Nachteile von Lizenzen
Der Nachteil bei der Sache ist, dass Lizenzen Geld kosten, entweder fix, anteilig am Umsatz des lizensierten Produktes oder eine Mischung aus beiden, und dass die Rechteinhaber einen mehr oder weniger starken Einfluss auf das Produkt geltend machen. Das kann für den Schaffenden ziemlich lästig werden, ist jedoch nachvollziehbar, denn jedes Produkt wirkt sich auf die ganze Marke aus. So kann ein Produkt, das gut gemacht ist und zur Marke passt, den Wert der Marke fördern, da sie beim Konsumenten positiv mit dem Produkt verbunden wird. Andererseits kann ein schlechtes oder unpassendes Produkt einer Marke Schaden zufügen, da die negative Erfahrung mit dem Produkt auch auf die Marke zurück fällt. Dies kann beispielsweise passieren, wenn der kurzfristige Profit durch die über die Marke gesteigerten Verkäufe die langfristige negative Wirkung auf die Marke überwiegt bzw. wenn man bereit ist für diesen Zweck die Marke zu beschädigen.

Epochen als Marke(n)
Eine besondere Art von Marken sind historische Hintergründe. Hier gibt es wie andernorts auch starke und schwache Marken. Manche Epochen wecken sehr leicht Assoziationen. Wenn man vom alten Ägypten spricht, sind Gedankenbilder rund um Pyramiden, Mumien und Pharaonen nicht weit. Andere sind weniger bekannt, wie beispielsweise die Babylonier, die zeitlich und regional gar nicht so weit weg von den Ägyptern liegen, aber in der Popkultur weitaus weniger Spuren hinterlassen haben. Der Run auf archäologische Güter, der besonders in England und Frankreich im 19. Jahrhundert eine Modeerscheinung war, hat hier weitaus weniger gegriffen als im sagenumwobenen Ägypten mit seinen verfluchten Grabkammern und goldenen Grabbeilagen.Und seien wir ehrlich: Mit den Hethitern oder Ugariten muss man da gar nicht erst kommen.

Das Geschichtsbild des Konsumenten
Hier liegt dann auch der Knackpunkt der ganzen Sache: Der Konsument ist kein Historiker. Er hat in den meisten Fällen keinen Zugriff auf Fachliteratur und auch kein großes Interesse, sich damit tiefergehend zu beschäftigen. Seine Vorstellungen über eine Epoche fußen im besten Falle auf populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen oder auf mehr oder weniger guten Dokumentationen, meist aber auf Medieninhalte, die die Marke bereits selbst benutzt haben. Und die fangen bei historischen Romanen und Sandalenfilmen an und hören bei zum Teil recht wüsten Fantasyprodukten mit historischen Anleihen wieder auf. Diese wiederum bedienen sich oft genug entweder an Klischees, die der Historismus des 19. Jahrhunderts von den vergangengen Zeiten gezeichnet hat, oder an den zum Teil bis zur Unkenntlichkeit zusammen kopierten Wiederholungen von Tolkien.
Oder anders ausgedrückt: Was historisch belegbar ist und was der Konsument für authentisch hält, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich hatte schon die eine oder andere Diskussion darüber, dass bestimmte Inhalte ja völlig unglaubwürdig seien in einem Fantasyhintergrund mit Anleihen aus Spätmittelalter und Renaissance, schlichtweg weil dem Konsumenten der entsprechende Hintergrund fehlte.

Das soll aber niemanden abschrecken. Historische Epochen als Marken funktionieren ganz vorzüglich. Man hat keinen Ärger mit Lizenzgebern und kann in ihnen kreativ tätig werden. Die Konsumenten haben bei Schlagworten wie Barock, Römern oder Azteken bereits mehr oder weniger klare Bilder im Kopf, auf die man leicht aufbauen kann, statt erst einmal die eigene Welt erklären zu müssen. Wer will, erhält zudem aus historischen Quellen eine Unmenge an Vorlagen für Visualisierung, Charakterstudien oder mögliche Plots. Und abgesehen von einigen echten Geschichtsfans wird sich niemand beschweren, wenn man sie so umbaut, wie man es für richtig hält. Dabei kann es sich durchaus auch lohnen, jenseits ausgetretener Pfade die Augen offen zu halten, denn die menschliche Geschichte umfasst eine unglaubliche Fülle an Geschichten, die sich nur die Realität hat ausdenken können.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Schreiben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s