Cthuloide Realität: Kinderfehler

IdeenenzymHier ein kleiner Ausschnitt aus der Zeitschrift Die Kinderfehler – Zeitschrift für pädagogische Pathologie und Therapie von 1896 (der zitierte Artikel beginnt auf Seite 5). Ich denke, alleine aus den Beschreibungen der Kinder kann man einiges machen. Vielleicht geschehen seltsame Dinge in einer Fürsorgeanstalt für Kinder und Jugendliche, und die beschriebenen Jungen stecken bis über die Ohren in der Sache drin. Oder sie sind die Charaktere, die erfahren müssen, dass etwas dunkles hinter den Kulissen der Anstalt vor geht. Aber wer würde schon einem Jungen glauben, dem „mäßiger Schwachsinn“ diagnostiziert wurde?

Oder man sieht es als das, was es ist: Das Zeugnis einer anderen Zeit.

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Joseph Z.: Vater angeblich gesund; fleißiger, sparsamer Arbeiter.
Mutter luetisch, auch nach ihrer Verheiratung sittlich in keinem guten Rufe stehend; hat viermal geboren; erste Geburt war eine Frühgeburt, Frucht war tot; Eltern nicht blutsverwandt
Der Knabe beim Eintritt in die Anstalt 7 1/2 Jahre alt, klein und schwächlich, von rhachitischem Habitus, Schädel asymmetrisch, Hinterkopf stark entwickelt, Thorax mäßig rhachitisch; Gaumen stark gewölbt; Ohren groß, abstehend. Bei einer während seines Anstaltsaufenthaltes aufgetretenen Augenentzündung empfiehlt der Spezialist eine antiluetische Behandlung.
Vom vierten Monat an Gichter; nervöse Zufälle vom vierten Jahre an, es sind diese nicht eigentlich epileptischer Natur. Der Knabe wird von einer großen Angst befallen, das Gesicht wird blaß; heftiger Schmerz im Kehlkopf, nach welchem er laut schreiend greift. Keinerlei Konvulsionen. Das beim Eintritt über den Knaben abgegebene Zeugnis sagt: »Hat man ihn erzürnt, so treten die Anfälle häufiger auf, ja die Aufregung kann gleich einen solchen hervorrufen. Patient geht das erste Jahr in die Schule, hat aber noch nichts gelernt, er ist ein ungezogener Bengel. Wenn die Anfälle sich häufen, ist er ganz verfahren, seine Intelligenz scheint beschränkt zu sein. Er lacht zu jeder Frage.«
Während seines 6 1 /2 jährigen Aufenthaltes in der Anstalt bot der Knabe in körperlicher wie geistiger Beziehung ein wenig verändertes Bild. Er kam kaum über die Vorschule hinaus, lernte notdürftig etwas lesen und schreiben, rechnen im Zahlenraum 1 — 10. Im Anschauungsunterricht ging es etwas besser.
Über alle Maßen abnorm war sein sittliches Verhalten. Die Klagen über Ungehorsam, Lügen, Stehlen, Verschmitztheit, Verheimlichung der von ihm verübten Unarten kamen jeden Tag vor. Erziehlichem Einfluße war er durchaus unzugänglich. Seine Versprechungen, von nun an recht zu thun, machten stets den Eindruck der Oberflächlichkeit, des mechanisch Angelernten. Wir wußten auch, daß er imstande war, schon in der nächsten Stunde die nämlichen Vergehen sich wieder zu schulden kommen zu lassen. Da er allmählich auch geschlechtlich für andere ein sehr gefährlicher Mensch wurde, waren wir froh, daß die Eltern, unzugänglich der Belehrung über den krankhaften Zustand, glaubten, ihn nun zu Hause behalten zu können und ihn aus der Anstalt wegnahmen. (Sie wollten in Wahrheit ihren geringen Kostgelds-Beitrag sparen.) Der Aufsicht der Anstalt entlassen, verübte er nun die losesten Streiche, trieb sich den ganzen Tag auf der Straße herum, kam oft auch nachts nicht nach Hause, so daß die Eltern schließlich gezwungen waren, ihn wieder einer Anstalt zu übergeben.

Emil G., beim Eintritt in die Anstalt 10 Jahre alt, Italiener, katholisch.
Vater: Maurer. Mutter: Fabrikarbeiterin.
In Beziehung auf Vererbung ist nichts nachzuweisen. Mit 3 Jahren hatte der Knabe Typhus. Für sein Alter etwas klein, aber stämmig, kräftig. Erste Anfälle nach dem Typhus mit 3 Jahren, sie traten später sehr häufig auf. Wasserkopf, Ohren vom Kopf abstehend. Psychisches Verhalten: mäßig schwachsinnig; hat sogar gefällige Handschrift und macht in allen Teilen verhältnismäßig befriedigende Fortschritte. Sonst aber ein überaus schwer zu erziehender Knabe, der sich Ungehorsam. Lügen, namentlich aber tägliche, oft ganz raffinierte Diebstähle zu schulden kommen läßt. Nachts steht er auf, durchsucht im Schlafsaal die Kleider des Wärters, seiner Kameraden und entwendet, was ihm unter die Hände kommt Eines Tages sind in einem größeren Saale sämtliche an den Enden der Rolladen – Riemen angebrachten Ringe abgeschnitten und verschwunden. Nach längerem Leugnen schafft E. G. dieselben zum Teil wieder herbei.
Ebenso weiß er sich den Zugang zu den Dachräumen zu erlisten. Dort entwendet er von sämtlichen Knabenschlitten die Ringe. Ein andermal fehlen an einer Anzahl von Kephirflaschen mit mechanischem Verschluß die am inneren Teil des Porzellanpfropfen angebrachten Gummiringe. Der Verdacht fällt auf eines der Schulkinder. In der Schule fragt die Lehrerin: Wer hat das gethan? »Ich nicht, ich gewiß nicht«, ruft unser Kumpan sofort und gesteht die Missetat erst spät ein. — Im Garten ist nichts, auch nicht die unreifste Frucht sicher vor ihm. Auf eine Besserung glauben wir verzichten zu sollen. Wir können den Knaben wohl beaufsichtigen, aber nicht erziehen.

Gustav M., geb. 30. Mai 1883, trat in die Anstalt am 15. September 1892.
Vater stottert, Mutter hat mehrfach an Melancholie gelitten.
Eltern arm, haben groß Mühe, ihr Fortkommen zu finden, sind aber durchaus rechtschaffen.
Der Knabe hat ein gesundes, kräftiges Aussehen, ist normal gebaut; als einzige Abnormität ist anzuführen: Ohren abstehend, vom Läppchen-Ansatz stark geknickt. Monatlich bis 50, oft sehr starke epileptische Anfälle. Geistig ist der Knabe nur mäßig schwach, so daß er in einer öffentlichen Schule wohl hätte fortkommen können. Er zeichnet recht hübsch und hat auch eine schöne gefällige Handschrift. An ruhigen Tagen ist sein Benehmen gegen ältere Personen äußerst freundlich, höflich, ja geradezu einschmeichelnd. Er benimmt sich anständig, zuvorkommend, dienstfertig.
Doch nun die Schattenseiten in seinem psychischen Verhalten. Der Knabe leidet an einer geradezu raffinierten Stehlsucht Nichts im Haus und Garten ist sicher vor ihm. Um seine Dieberei zu verheimlichen, weiß er die gestohlenen Gegenstände wegzubringen, zu verstecken im Hause, unter Steinen im Garten. Entwendetes Geld sucht er für Näschereien zu verwenden. Dabei lügt er in der ungeniertesten Weise; ist Onanist und sucht auch andere Knaben bei jeder Gelegenheit auf die Seite zu nehmen und zu verführen. Sehr oft läuft er weg, entfernt sich dabei bis zu drei Stunden von der Anstalt, weiß sich auf einem Bauern-Gehöft, das er erst umschleicht, bei den Leuten durch sein gefälliges Benehmen und seine Erzählungen einzuschmeicheln, so daß die Leute Freude an ihm haben und nicht begreifen können, warum ein solch netter freundlicher Knabe in einer Anstalt untergebracht werden soll.
Mit der Zeit wächst die Gefahr, die er für andere Knaben in sittlicher Beziehung ist. Wir sind wegen Mangel an einer besonderen Bewahranstalt durch die Rücksicht auf andere Kranke genötigt, ihn völlig ungebessert zu entlassen, haben aber die Überzeugung, daß er mit der Zeit ein sehr gemeingefährlicher Mensch werden wird.

August G., beim Eintritt in die Anstalt 10 Jahre alt
Vater neigt zu Schlaganfällen mit Lähmungserscheinungen in Sprache und Gliedern. Mutter in größerem Grade nervös; Patient ist das älteste von 4 Geschwistern, 3 sind zu früh geboren, 1 starb bei der Geburt, die Lebenden von zarter Konstitution, aber gesund. A. G., 6 Wochen zu früh geboren, hatte von Jugend an und noch jetzt sehr zarte Konstitution, bleiches schmächtiges Aussehen, gebückte Haltung; macht den Eindruck, als ob ihn ein Windstoß jeden Augenblick umwehen könnte.
Epileptische Anfälle und Schwindel monatlich bis 40.
Intellektuell ist der Knabe normal, jedenfalls ziemlich über der Mittelmäßigkeit. Schulfortschritte sehr gut, flüssige, gefällige Handschrift — »Er hat ein lebhaftes aufgeregtes Wesen, weiß nach dem ihm in der Heimat ausgestellten Zeugnisse die durch Epilepsie bedingte Straflosigkeit im eigenen Interesse auszubeuten.« In geschlechtlicher Beziehung ist der Knabe durchaus unverdorben; ja er wendet sich mit Abscheu von etwaigen Verführern ab und bringt sie zur Anzeige; seine Mutter habe ihm zu Hause gesagt, von solchen bösen Dingen sich durchaus fern zu halten.
Seine leichte Erregbarkeit steigert sich bald zum höchsten Zorn, ja zur Wut, in welcher er weder vor Lehrern noch Vorstehern noch vor der eigenen Mutter zurückschreckt und die heftigsten Drohungen ausstößt. Seine Mutter bedrohte er zu Hause mit dem Beil, ein andermal mit dem Revolver seines Vaters. Auf den Vorsteher der Anstalt geht er einmal erst mit geballten Fäusten, dann mit einem Stuhle los, ihn mit vor Wut bebenden Worten bedrohend. Einen Bruder mißhandelt er auf einem Spaziergang, zerreißt ihm die Kleider, droht, jeden aufzuhängen, der ihm jetzt begegnen würde. Von dem, was ihm befohlen wird, führt er gerade das Gegenteil aus. Kleider und Schuhe will er tragen, wie es ihm beliebt, gegenteilige Anordnungen bringen ihn in Wut. Es sind diese psychischen Erregungen durchaus nicht immer in Zusammenhang mit dem Auftreten der Anfälle.
In diesem Falle ist eine psychische Einwirkung noch nicht ganz vergeblich. Entschiedenes Entgegentreten respektiert er und weiß sich zusammenzunehmen. Noch eher zugänglich ist er jedoch der Liebe und Freundlichkeit — Nicht selten ist sein besseres Betragen Folge kluger Berechnung, um etwa in die Ferien zu kommen oder sich sonst einen Vorteil zu verschaffen.

Karl W. ist der 10jährige Sohn eines deutschen Beamten.
Eltern gesund, Vater intelligent, in angesehener Stellung. Größe des Patienten normal, Aussehen gut, schleichender Gang, lauernder Blick; macht den Eindruck, als ob er stets bereit wäre, sich auf einen zu stürzen oder sich schleunigst zur Flucht zu wenden; feige; keine Epilepsie; Schwachsinn.
Der Knabe ist in seiner Heimat bekannt als ein »kleiner Teufel«, der alle nur denkbaren Streiche ausführt. Postwagen, die auf der Straße stehen, spannt er los, um sie die steil abfallende Straße hinunter rollen zu lassen. Einer Mitschülerin, deren Mutter er eben gegrüßt, ruft er zu: Gehe schnell nach Hause, deine Mutter ist gestorben. Ein andermal rennt er durchs Haus, laut rufend: Feuer, Feuer, es brennt!
Doch ist der Knabe mit andern verträglich, anerkennt bei direkten Befehlen sonst willig die Autorität von Eltern und Lehrern.

Kurt L., bei seinem Eintritt in die Anstalt 12 Jahre alt.
Eltern gesund, sehr kräftig, ohne geistige Defekte.
Der Vater, mit seltener Energie auf den Erwerb bedacht, schwingt sich aus dürftigen Verhältnissen zu großem Wohlstand auf. Der Knabe, schwächlich geboren, hatte bis ins dritte Jahr einen weichen Hinterkopf (offene Fontanelle), später leidet er an epileptischen Anfällen (petit mal). Körperliche Entwicklung normal, mit der Zeit kräftige Konstitution, keine Abnormitäten, ohne besondere Degenerationszeichen. Psychisches Verhalten bei mäßigem Schwachsinn in hohem Grade abnorm; erschwert wird die Erziehung durch Ungehorsam und lose Streiche jeder Art; ist zerstörungs- und genußsüchtig, vernünftigen Einreden durchaus unzugänglich. Beim Anblick eines Pferdebahnwagens verlangt er durchaus, denselben samt Pferd zu kaufen, sein Vater habe Geld genug. Ein schön gewachsener Weinstock am Haus wird von ihm, zwecklosem Zerstörungstrieb folgend, am Boden abgeschnitten.
Beim Eintritt in die Anstalt klagt der Vater, er habe zu Hause, im dem widerspenstigen Wesen seines Sohnes ein Ziel zu setzen, alles mögliche versucht: ihn eingesperrt, geschlagen, mit Stricken gebunden Als der Anstalts-Arzt ihn aufmerksam machte, daß sein Sohn krank und die Ursachen seiner verschiedenen Vergehen in seinem physischen Zustand zu suchen seien, gestand der Vater, dieser Gedanke sei ihm ganz neu, er habe seinen Sohn bis jetzt einfach als einen unartigen, mißratenen Schlingel behandelt, er sehe ein, wie unrecht er gehabt.
Bei dem Knaben nahm freilich die Epilepsie mehr und mehr überhand, und in gleicher Weise nahm seine geistige Fähigkeit ab; er wurde mit der Zeit völlig geisteskrank.

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