Von Verdun bis Tannenberg: Der ungespielte Krieg

erster-weltkrieg-mobilmachungAm 28. Juni 1914 wurde Erzherzog Franz Ferdinand erschossen. Wie ein Schlafwandler lief Mitteleuropa in einen Krieg, den manche Historiker als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Den verschiedenen Kolonialmächten folgend, kämpften bald Millionen Soldaten aus allen Kontinenten auf einigen wenigen tausend Quadratkilometern.

Ein großer Konflikt, doch in einem Bereich scheint er so gut wie keine Spuren zu hinterlassen. Zu jedem relevanten Krieg gibt es irgendwelche Video- und Computerspiele, nur nicht zum ersten Weltkrieg. Ein paar Strategiespiele vielleicht, entsprechend mit einem sehr distanzierten, abstrakten Blick, aber das wars eigentlich. Kein Vergleich zu den Massen, die zum zweiten Weltkrieg produziert wurden im Fahrwasser von Saving Private Ryan und Band of Brothers. Call of Duty, Battlefield, Medal of Honor, Commandos: Es gibt dutzende Möglichkeiten sich mit seinem digitalen Avatar durch die Gefechte des zweiten Weltkrieges zu schlagen. Verdun, Somme, Isonzo, Tannenberg. Alles Begriffe, die man kennen kann, aber in der Computerspielbranche hat sich abgesehen von der einen oder anderen Indie-Produktion hier kaum etwas getan. Warum ist das so?

Ein Shooter, Rollenspiel oder Adventure, als Beispiel, braucht Protagonisten, Antagonisten, schicke Level, spannende Aufgaben und coole Goodies (um es mal etwas vereinfacht auszudrücken).

Und schon beim Punkt Protagonist und Antagonist wirds knifflig. Im zweiten Weltkrieg ist es einfach. Der Österreicher mit dem kleinen Schnauzbart ist der Böse, und netterweise hat er seine Henchman mit schwarzen Uniformen und Totenkopfstickern versehen, was sich medial sicher noch einige Jahrzehnte halten wird. Schwarze Reiterstiefel und Pumphosen? Schieß drauf, trifft nie den falschen.
Im ersten Weltkrieg ist das schwieriger. Über die Kriegsschuld wird seit hundert Jahren gezankt. Wer also ist der Gute? Das ist besonders für amerikanische Produzenten ein Problem, denn der Kriegseinsatz der USA kam spät und war in Relation zu anderen Situationen relativ überschaubar. Das Bild des guten Amerikaner gegen den bösen Deutschen greift hier einfach nicht.
Außerdem, und das ist rein dramaturgisch ein ziemlicher Haken: Es gibt keinen klaren Sieg. Keine Flagge, die auf den Trümmern der feindlichen Burg gehisst wird. Kein Einmarsch, nicht mal das symbolische Überqueren einer Grenze. Selbst als Etappenziel waren vielerorts bereits ein paar hundert Meter vor oder zurück ein Erfolg. Sicher, es wurde kapituliert, und der Vertrag von Versaille war wahrlich kein Produkt zweier Seiten auf Augenhöhe, aber der militärische, der symbolische Sieg fehlt.
Es ist nicht so, als ob nicht versucht wurde, Helden zu etablieren. Aber ein Film wie Sergeant York mit seiner fast naiven Heldendarstellung deutet bereits an, wie schwierig so ein Unterfangen sein kann.
Einzig der Luftkrieg erzeugte große Namen wie Richthofen, aber vielleicht gerade, weil sich der Luftkrieg so von dem unterschied, was auf dem Boden tobte. In den Fliegern aus Holz und Leinen kämpfte man, so die Vorstellung, wie Ritter im idealisierten Mittelalter, mutig und edel, Mann gegen Mann, und nicht wie der einfache Pöbel im Schlamm mit Klappspaten und Maschinengewehr.

Schicke Level sind auch so ein Ding. Die Westfront besteht nach einigen Tagen Bewegungskrieg bald aus einer lang gezogenen Front aus Laufgräben, Granattrichtern und Schlamm. Und je länger der Konflikt dauert, desto schlimmer wird es. Aus malerischen Landstrichen im Osten Frankreichs und Teilen Belgiens wird dank schwerer Artillerie und einer auf Verschleiß von Mensch und Material ausgelegten Kriegsführung eine graue Mondlandschaften voll Stacheldraht und Leichenteilen. Theoretisch konnte man von der Schweizer Grenze bis an die Nordsee laufen, ohne einmal den Schützengraben verlassen zu müssen. Die Südfront sah in manchen Regionen etwas anders aus. Gräben und Niemandsland wechselten sich mit Stellungen in Berghängen ab, die in den Alpen teilweise mit tief in das Gestein getriebenen Tunnelsystemen verbunden waren. Zumindest im Osten gab es zudem noch etwas Bewegungskrieg, aber dieser findet interessanterweise eine viel schwächere Reflexion in der medialen Darstellung. Das Trauma der Westfront überstrahlt hier einiges.
Die Ästhetik des ersten Weltkriegs, wenn man das überhaupt so sagen kann, ist die Ästhetik des Schrecklichen, wie sie beispielsweise Otto Dix in seinen Bildern verarbeitet hat.

Der wirkliche Knackpunkt aber ist die eigentliche Kriegsführung. Ein de facto industrialisiert geführter Krieg, in dem der Einzelne keine Relevanz hat, eignet sich nicht für Heldenepen. Wenn die Taktik daraus besteht, aus dem Graben zu springen und mit hunderten oder tausenden anderen Soldaten durch das Niemandsland auf Maschinengewehre zuzurennen, dann bleibt wenig heroisches, selbst in idealisierter Form. Tatsächlich forderte gerade dieses Ideal des mit aufgesetztem Bajonett tapfer auf den Feind zu marschierenden oder gar mit dem blanken Säbel galoppierenden Soldaten in den ersten Kriegswochen zehntausende Opfer.
Sicher gab es auch Kommandounternehmen, Aufklärungsmissionen im Niemandsland und Stoßtrupps, die in aller Heimlichkeit in die Gräben des Gegners eindrangen, um geheime Karten und Dokumente oder schlichtweg Brot und Konserven an sich zu nehmen, aber im größeren Rahmen bleibt der Krieg wahllos und unpersönlich.
Wenn die Mission lautet „Wenn der Leutnant pfeift, dann rennt ihr los. Wenn ihr drüben lebend ankommt, bringt jeden um, der eine andere Uniform an hat und setzt euch in ihren Gräben fest“, dann ist das relativ wenig spieltauglich.

Gut, was Waffen und Material angeht, hat man im ersten Weltkrieg schon einen ziemlich großen Werkzeugkasten. Von angeschliffenen Klappspaten, Grabendolchen oder fast mittelalterlichen Streitkolben über ein ganzes Sammelsurium von Pistolen, Karabinern, Gewehren und Maschinengewehren, Hand- und Gewehrgranaten, Mörsern und so ziemlich allen denkbaren Kalibern an Artillerie, aber auch Grausamkeiten wie Phosgen oder  Gelbkreuz, Flammenwerfern, Minen oder den ersten Panzern und Fliegern, die europäischen Industriemächte werfen alles aufs Schlachtfeld, was Tod und Verstümmelung verspricht.

Am Ende bleibt der erste Weltkrieg als Trauma Mitteleuropas zurück. Aber ich persönlich finde, dass gerade für eine Generation, die weder selbst Krieg kennt, noch lebende Verwandte hat, die diesen erlebt haben, dass für eine solche Generation der spielerische Zugang zum ersten Weltkrieg wertvoll sein könnte. Nicht (nur) zur Unterhaltung, sondern auch als Serious Game, als immersiver Weg, um aus der abstrakten Geschichtsstunde mit ein paar Schwarzweißbildern und bunten Linien auf Karten in das einzutauchen, was, nun, eben der Anfang der Urkatastrophe ist, die dem 20. Jahrhundert ihren Stempel aufgedrückt und Generationen geprägt hat.

P.S.: Was Tischrollenspiele angeht: Zeitgenössische Kriege sind hier allgemein seltener Thema. Ich vermute einerseits wegen der allgemein recht stark ausgeprägten Fantasyaffinität und andererseits wegen der militärischen Strukturen, die Charakterspiel bisweilen arg hemmen können.
Eines der wenigen bekannteren Rollenspiele, die sich mit dem ersten Weltkrieg zumindest optional beschäftigen, ist Call of Cthulhu. Doch so sehr das Szenario einerseits geradezu danach schreit, einen cthuloiden Anstrich zu erhalten, muss ich gestehen, dass es fast schon beruhigend wäre, wenn nicht der Mensch, sondern irgendwelche finsteren Götter eine Hölle auf Erden erschaffen hätten.

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4 Antworten zu Von Verdun bis Tannenberg: Der ungespielte Krieg

  1. Infernal Teddy schreibt:

    Ein weiteres Beispiel im Bereich Tischrollenspiel wäre „Wraith: the Great War“ aus dem Hause White Wolf.

  2. Der Mönch schreibt:

    Interessante Beobachtung! Bleibt die Frage, ob die Sinnlosigkeit des 1. Weltkrieges in einem Serious Game dargestellt werden könnte.

    Zu deinem PS: Ich empfinde „echte“ Kriegsszenarien für mich als Spieler und Spielleiter als zu heftig. Mir reicht schon der emotionale Stress, den ich Fantasy-Kriegen durchlebt habe oder die Angstattacken bei Cthulhu. Der Reiz ist wirklich sehr klein (und ich weiss es zumindest auch von meiner Gruppe), da noch eine Schippe drauf zu legen. Da hört dann wortwörtlich der Spaß auf.

  3. Klaus schreibt:

    Eine sehr schöne und treffende Analyse. Auch in anderen Medien ist auffällig, wie die NS-Zeit geradezu bis zum Erbrechen rekapituliert wird – man schalte nur an einem beliebigen Abend ZDF info ein – während der Erste Weltkrieg kaum stattfindet.

    Auch wenn die Verwendung im Rollenspiel auf den ersten Blick nicht uninteressant wäre, so stellt sich eben doch die Frage, wie man in diesem Zermürbungskonflikt spannende Akzente setzen wollte. Natürlich könnte man darüber nachdenken, in der Art eines „Grey Ranks“ abseitige Elemente umzusetzen, aber selbst da sehe ich im Rahmen der Kampfhandlungen des Großen Kriegs kaum Inspiration. Da mögen fast noch die Wirren der Novemberrevolution einen interessanteren Hintergrund abgeben (hm, könnte man daraus nicht sogar ein Playset für Fiasco machen…?).
    Vielleicht setzt der angekündigte Karneval der Rollenspielblogs im August zum Thema „Weltkrieg“ ja Akzente.

    Einziger Lichtblick der spielerischen Aufarbeitung mag ein Blick auf BoardGameGeek sein, das immerhin eine Kategorie „World War I“ kennt und dieser fast 600 Titel zurechnet – und viele davon sind natürlich komplexe Strategiebrocken nach amerikanischer Machart.

  4. Pingback: Valiant Hearts: The Great War | Das Eisparadies

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