Aus dem Kühlschrank: Geschichte der Aphasie

Ich habe ein wenig alte Daten aufgeräumt, und meine letzte Hauptseminarsarbeit gefunden, mit dem schönen Titel „Zur Funktion des Wernicke- und Brocaareals –
Geschichte und aktueller Stand“.
Zugegeben, als Linguistikstudent war ich… hm… unambitioniert. Die eher praktischen Themenfelder Semantik, Pragmatik und Phonetik wollten so recht nicht verfangen, also habe ich mich früh in der Neurolinguistik verschanzt. Das wiederum kam mir thematisch sehr entgegen. Neurologie, Psychologie und Anthropologie, alles fokussiert auf Sprachverständnis und -produktion in dem grauen Geschwabbel, das man Hirn nennt. Ein toller Spielplatz. Mit diesem Feld im Hinterkopf sprang mir in einem Proseminar über die Ottonen eine Aussage in den Chroniken des Thietmar von Merseburg ins Auge:

„Zu des Caesar Zeiten lebte in der Stadt Magdeburg der Dekan Hepo, ein heiterer, für sein Kloster und besonders für den Chor sehr brauchbarer Mann. Der verlor im hohen Alter nach einem ausgereiften Lebenswerk plötzlich vom Schlag getroffen die Sprache, doch durch die Hilfe des höchsten Arztes vermochte er sehr schön mit den Brüdern die Psalmen zu singen. Sonst freilich konnte er kaum noch flüstern. Wir erkennen an diesem Wunder die preiswürdige Kraft Christi, die einem treuen Diener offensichtlich in Vielem Kräfte verleihen kann.“
(Thietmar von Merseburg, Chronik, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters Band 9, Trillmich, Werner (Übers.), Darmstadt 1966, S. 181)

Das musste eine Aphasie sein, der Ausfall der Sprachfähigkeit durch einen Hirnschaden. Anscheinend hatte der gute Mann vor gut 1000 Jahren einen Schlaganfall erlitten. Es kommt in solchen Fällen durchaus vor, dass die Sprachproduktion stark beeinträchtigt ist, aber sprachliche Automatismen wie Gesang, aber auch Flüche und andere Standardfloskeln noch produziert werden können. Dieses Quellenzitat spukte so jahrelang in meinem Kopf herum, bis es Zeit war, sich ein Thema für die letzte Hausarbeit vor dem Magister zu suchen. Und was wählt man da als Historiker? Die Geschichte des entsprechenden Fachbereiches. In diesem Falle die Geschichte der Erforschung zweier Hirnregionen, des Broca- und des Wernickeareals, die für Sprachproduktion und -verständnis zentrale Bedeutung haben.
Während der Vorbereitung fiel mir Geschichte der Aphasie von Jürgen Tesak in die Hände, ein ausgesprochen lesenswertes Buch, das wie die Faust aufs Auge passte, da die Untersuchung von Aphasien vor der Zeit der bildgebenden Verfahren die einzige Möglichkeit war, herauszuklamüsern, welche Teile vom Hirn wofür gut sind.

Als fauler Student hätte es vermutlich gereicht, sich einfach daran entlang zu hangeln, aber ich fand es spannend genug, um es mit anderen Publikationen zu vergleichen, seine Quellen rauszukramen, sie selbst durchzugehen und eigene Fälle ausfindig zu machen. Das war bei einigen echtes Gefummel, und alleine Imhoteps gut 5000 Jahre alte Notizen über Schädelverletzungen haben mich ein paar Tage Recherche gekostet.
Heraus gekommen ist ein Trip durch die Geschichte der Neurologie, von 2700 v. Chr. über Aristoteles und Galen bis zu Broca und Wernicke. Wobei ich auch einen sehr obskuren Aufsatz Brocas über die Unterschiede zwischen Europäern und Afrikanern gefunden habe. Naja, zu der Zeit waren solche Traktate wohl nicht ungewöhnlich.
Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem (damals) aktuellen Forschungsstand der beiden Hirnregionen in der Neurolinguistik . Die naturwissenschaftliche Herangehensweise an Themen hat sich da teilweise als etwas knifflig erwiesen, und ich habe ganze Stapel von Lehrbüchern durchgeackert, um die Details halbwegs solide zusammen zu bekommen.
Wie auch immer: Die Stunden und Tage in der Fachbibliothek waren so unterhaltsam wie lehrreich… okay, wenn man auf echt alten Kram steht. Das hilft da ungemein. Von daher, falls es wen interessiert:

Zur Funktion des Wernicke- und Brocaareals – Geschichte und aktueller Stand

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