Das unbekannte Wesen: Der Gruppenvertrag

Mario Truant hat hier einige Worte zum Thema Gruppenvertrag gebloggt.
Die Reaktionen darauf waren für mich teilweise ein wenig… befremdlich.
Da ich den Eindruck habe, dass einige immer noch Schwierigkeiten damit haben, worum es eigentlich bei diesem ominösen Vertrag geht, möchte ich versuchen das mal im Groben zusammen zu fassen:

1. Watt isn Gruppenvertrag?
Jede soziale Gruppe hat ihre Regeln. „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ „Wenn der Raidleiter spricht, halten alle anderen die Klappe.“ „Kein Bier vor vier.“
Das gilt auch für Rollenspielgruppen. Das beginnt mit so trivialen Fragen wie „Wann und wo spielen wir eigentlich?“, „Wer hält die Termine nach?“ oder „Wer macht den Spielleiter?“.
Aber es geht noch deutlich weiter, und vermutlich weiter, als den meisten Anwesenden klar ist. Die meisten Regeln in der Gruppe sind implizit, werden weder ausgesprochen noch festgehalten und sind den meisten Beteiligten in der Form gar nicht bewusst.
Da Rollenspiel aber ein sehr soziales Spiel ist, wirken sich solche implizite Regeln auch sehr stark aus.
Dazu gehören Fragen wie „Was darf der Spielleiter?“ oder „Darf er in die Entwicklung der Charaktere eingreifen, oder dürfen das nur die Spieler?“
Was dürfen die Spieler? Wie geht man mit den Regeln um? Was ist einem im Spiel wichtig und was nicht? Immersion, Simulation, Action, Herausforderungen, „sich fallen lassen können“, Romantik… you name it.
Da kommt summasummarum schon ne Menge zusammen.
Das alles kann einem total egal sein, wenn alle immer am Spiel Spaß haben. Wenn das aber nicht so ist, wenn einzelne Spieler unzufrieden sind oder der SL keinen Bock mehr hat, wenn also die Dinge nicht rund laufen, dann ist es nicht verkehrt sich mal zu überlegen, wie die Spielrunde eigentlich so tickt, jenseits von „Spieler XY spielt schlecht“.
Und das ist bei leibe nicht nur bei Anfängern der Fall. Ich schätze die meisten von uns kennen Leute, die seit 20+ Jahren Rollenspiele spielen und trotzdem ihren Mitspielern auf den Wecker fallen. Und viele dürften auch in länger laufenden Runden mal auf den Gedanken gekommen sein, dass einem der Spielstil eines anderen Spielers nicht passt oder die Abenteuer des SLs einem irgendwie nicht das geben, worauf man grade Lust hätte.

2. Warum heißt datt Dingen so?
Der Gruppenvertrag (im Englischen „Social Contract“) stammt ursprünglich von Ron Edwards und der Forge. Man kann ihn und seine Modelle gut oder schlecht finden, aber diesen Begriff hat er mitgeprägt. Der Begriff ist in der Branche auch nicht so unüblich, auch wenn er vielen Spielern im ersten Moment vermutlich nicht viel sagt.

3. Watt is kein Gruppenvertag?
Er ist kein Stück Papier. Man muss ihn weder irgendwo kaufen, noch ausfüllen oder stempeln lassen. Er ist ein theoretisches Konzept, das man sich als Hilfestellung bewusst machen kann, wenn es mal nicht so klappt, wie es soll.

P.S.: „Hast du nichts besseres zu tun?“ fällt in die gleiche Kategorie wie „Saurer Regen, Krieg und Wirtschaftskrise, und ihr beschäftigt euch mit Rollenspielen?“

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7 Antworten zu Das unbekannte Wesen: Der Gruppenvertrag

  1. greifenklaue schreibt:

    Er ist kein Stück Papier. – Nach dem Lesen des Blogbeitrags on Marion Truant versteh ich das aber schon so, dass er auf Papier festgehalten werden soll:
    „Für DSA5 haben wir uns überlegt, einen sogenannten Gruppenvertrag vorzuschlagen, in dem man die wichtigsten Punkte für das erfüllende Spiel in seiner Runde abfragen und festhalten kann. Damit vermeidet man Probleme und Streitigkeiten und schafft eine befriedigende Atmosphäre, in der alle gerne am Spieltisch sitzen und Freude daran haben, ihre Helden nach Aventurien zu schicken und darin Abenteuer zu erleben.“
    Hmm, ist aber vielleicht gar nicht das schlechteste, würde mir viel ersparen, würde ich DSA spielen …

    • Asel schreibt:

      Genau so habe ich das auch gelesen.
      Ich weiß zwar, dass es anderes gemeint ist (jedenfalls nachdem was Eismann so von sich gibt), aber im Blog-Eintrag klingt es sehr nach „Checkliste ausdrucken, ausfüllen, zu Ulisses schicken, Genehmigt oder Abgelehnt Stempel bekommen“.
      Aber so sind die Deutschen nunmal 😉

  2. Captain schreibt:

    Und gerade WEIL die Reaktionen so befremdlich sind, halte ich das Einbringen des Themas in ein solches Mainstream Spiel wie DSA für umso notwendiger. Die breite Masse auf so ein Problem aufmerksam machen und sensibilisieren könnte hier so wirkungsvoll wie sonst nirgends sein.
    Ich hab nur die Befürchtung, daß die Form in der es vermutlich präsentiert werden wird (eben analog zu anderen Sachen die in typischer DSA Manier passieren), leider viel zu absolut und restriktiv aufgemacht sein wird.

  3. Björn schreibt:

    Ich sehe das etwas zwiespaltig
    Auf der einen Seite ist das Thema wichtiger als es zunächst scheint. Andere Orte, andere Sitten. So ist der Spielstil in jeder Runde anders und gerade auf der Drachenzwinge und bei längeren Kampagnen am heimischen Spieltisch hab ich mich immer wieder damit befasst. Man muss sich klar machen wo die Reise mit der Gruppe hingehen soll, damit auch jeder am gewünschten Ziel ankommt: Spielspaß.
    Auf der anderen Seite kann ich mir für dieses Thema, dass ich hier und da auch unter „Hausregeln“ abgefrühstückt wurde oder einfach nur so mündlich am ersten gemeinsamen Abend bequatscht wurde, keine schlimmere Bezeichnung vorstellen als „Gruppenvertrag“. Ich will mit meinem Mitspielern spielen und nicht darauf lauern sie verklagen zu können.
    Darum geht es natürlich nicht, aber bei mir persönlich ist der Begriff Vertrag vorbelastet.

    Die Sinnhaftigkeit des Ganzen will jedoch keinesfalls in Frage stellen.
    Alternativen? Hmm … Gruppenrichtlinie klingt a) umständlich und b) ein Informatiker versteht wieder was anderes darunter.
    Vielleicht eher Spielabsprache, Tischabmachung oder Gruppenarrangement? Ich finde solche Begriffe erkären sich einfacher.

  4. Jan schreibt:

    Ich finde es sehr sinnvoll das Thema anzuschneiden und als möglichen Lösung vorzuschlagen. Aber viele Gruppenverträge funktionieren implizit sehr gut und nur weil man ein Problem in der Gruppe hat, heißt es nicht, dass ein Gruppenvertrag das lösen könnte. Bei der letzten Gruppe, aus der ich ausgestiegen bin, hätte auch ein Gruppenvertrag nicht geholfen. Mir war es zu blöd und wäre es auch geblieben. Die Vorstellungen waren einfach nicht kompatibel. Und dabei war nur ein Teil der Probleme Rollenspiel-bezogen, der andere war persönlich. Aber sich einfach mal bewusst zu machen, was da alles passiert und implizit vereinbart ist, kann so manches Problem lösen und sollte im Köcher keiner Gruppe fehlen. Gehört eigentlich in jedes große Mainstream-Grundregelwerk rein.

  5. Pingback: Aus dem Limbus – Bewertungen und Verträge | Nandurion

  6. AxelOxenstierna schreibt:

    Den Gruppenvertrag als eine Hilfe zu betrachten ist wohl die beste Sichtweise. Genau wie die „20 Fragen an den Charakter“ wird es wenige geben, die das wörtlich nehmen und alles sehr genau durchgehen wie einen Fragebogen. Aber sich über die dahinterliegenden Konzepte Gedanken zu machen (wichtiges Stichwort aus Forge „GM roles“), hilft Konflikte zu vermeiden oder zu entschärfen.

    Wenn allen klar ist, dass die es-läuft-nicht-miteinander-Differenz daran liegt, dass eine Person häufig das Gefühl hat den Charakter aus der Hand genommen zu bekommen, sorgt das vielleicht nicht für glückliches Zusammenspielen, aber für ein entspannteres Auseinandergehen, ohne dass es auf die „persönliche“ Ebene geschoben wird. Für die doch häufig sehr kleinen Kreise einer Rollenspielszene ist allein schon das enorm erleichternd.

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