Soziale Spielregeln des Mittelalters

Die Sozialstruktur (pseudo-)mittelalterlicher Städte ist etwas, was viele Spieler sich so recht nicht vorstellen können. Besonders die sozialen Systeme mit nur geringstem staatlichen Schutz sind für viele sehr schwer vorstellbar. Aber da Menschen nunmal nicht dumm sind, gab es neben kirchlichen Ausformungen auch die Zünfte, die neben Preis- und Qualitätskontrollen den Zusammenhalt innerhalb der Städte garantierten, zumindest im Rahmen der jeweiligen Handwerke. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Regius-Manuskript, die älteste überlieferte Sammlung von Regeln der Steinmetzbruderschaften von 1390, wobei sich diese hauptsächlich mit dem Umgang innerhalb der Zunft beschäftigt.
Man beachte besonders die Rechte der Lehrlinge und Gesellen was Bezahlung und Ausbildung angeht. Nix mit unbezahlten Praktika.

Hier die Kurzform der Regeln:

Die 15 Artikel.

1) Der Meister soll seine Gesellen nach Billigkeit bezahlen, treu, standhaft, unbestechlich und unparteiisch sein, gegen den Bauherrn sowohl als gegen seine Gesellen.
2) Der Meister soll die allgemeine Versammlung nicht versäumen dürfen, außer in besonderen Entschuldigungsfällen, welche der Artikel weiter angiebt.
3) Der Lehrling soll sich für eine Lehrlingszeit von sieben Jahren verdingen und einen andern soll der Meister nicht annehmen.
4) Der Meister soll keinen, unfreien und leibeigenen Mann zum Lehrling annehmen. Die Mißhelligkeiten, die daraus erwachsen würden, könnten aus die ganze Loge fallen, weil darin Einer für Alle steht und Alle für Einen.
5) Der Meister soll keinen Lehrling annehmen, der unehelicher Geburt oder ein Krüppel ist.
6) Der Meister soll von dem Bauherrn für den Lehrling nicht so viel Lohn fordern, als für den Gesellen; doch soll er ihn allmahlig vervollkommnen und seinen Lohn verbessern.
7) Einem Mörder, einem Dieb, einem Ehrlosen soll der Meister nicht behilflich sein.
8) Einen Untauglichen soll der Meister gegen einen Tauglichen vertauschen.
9) Der Meister soll kein Werk übernehmen, das er nicht ausführen kann, einen guten Grund legen und stets auf den Nutzen des Bauherrn bedacht sein.
10) Der Meister soll Niemand verdrangen, auch keinen Mann, der eine Arbeit übernommen, es sei denn, daß diese schlecht ausgeführt werde. Dann soll ein anderer Maurer für ihn eintreten, zum Nutzen des Bauherrn.
11) Bei Nacht soll der Meister nicht mit der Hand arbeiten, wohl aber darf er geistig thätig sein.
12) Der Meister soll sich bestreben, das Werk eines Gesellen in allen Fällen durch gute Empfehlung zu fördern, statt ihm zu schaden.
13) Der Meister soll den Lehrling so unterrichten, daß er die Kunst gründlich erlernt habe, wenn er sich auf Wanderschaft begiebt.
14) Er soll auch, wenn er einen Lehrling annimmt, so viel Beschäftigung haben, daß diefer gründlich auslernen kann.
15) Er soll den Lehrling dahin anleiten, daß dieser keine falsche Zeugenaussage oder einen Meineid leiste, und ihn, eines Vortheils wegen, in seinen Sünden nicht unterstützen.

Die fünfzehn Zusatzartikel.

1) Die Männer vom Handwerk sollen Gott, die Kirche, den Meister und die Zunftgenossen lieben.
2) Der Maurer soll am Werkeltage fleißig arbeiten, um am Sonntage seinen Lohn in Empfang nehmen zu können.
3) Der Lehrling soll nicht verrathen, was bei seinem Meister, in der Zunftstube, in der Loge vorgeht, besprochen und verhandelt wird.
4) Niemand soll sich gegen das Handwerk falsch verhalten, noch seinem Meister, noch seinen Kameraden Abbruch thun; der Lehrling soll, obgleich gehorsam, doch demselben Gesetze unterworfen sein.
5) Der Maurer soll die Löhnung, die ihm der Meister bestimmt, ohne Widerrede annehmen, dagegen der Meister ihm vor der neunten Stunde (None) kündigen.
6) Wenn Maurer in Streit gerathen, soll ihnen ein Schlichtungstag angesetzt werden, aber nicht an einem Arbeits-, sondern an einem Festtage.
7) Der Maurer soll nicht bei des Meisters Weib, noch bei dem seiner Kameraden schlafen, noch bei des Kameraden Concubine, wofür er mit sieben Jahren längerer Lehrlingschaft bestraft werden soll.
8) Der Maurer soll dem Meister treu ergeben sein, ein treuer Vermittler zwischen Meister und Gesellen, gegen beide Partheien gerecht.
S) Alle Maurer sollen der Reihe nach Stewarde (Schaffner) sein, doch soll Jeder, der Schaffner ist, redlich bezahlen, keinem mehr auf die Rechnung setzen, als er verzehrt hat, und endlich Quittungen über die Ausgaben anfertigen.
10) Wer durch eine falschliche Beschuldigung seine Zunftgenossen beleidigt hat, der soll vor die nächste Versammlung geladen werden, und erscheint er nicht, so muß er dem Handwerk absagen und die Strafe empfangen, die ein altes Gesetz über einen Solchen verhängt.
11) Ein Maurer, welcher einen andern arbeiten und sein Werk verderben sieht, belehre diesen und zeige ihm, wie er es bessern könne.
12) Bei den Versammlungen sollen nicht bloß die Meister und Gesellen und die großen Herren (freie und angenommene Maurer) gegenwärtig sein, sondern auch der Sheriff, der Mayor, die Aldermen u. s. w.; die Verordnungen, die man dabei beschließt, sollen aufrecht erhalten und jeder, der gegen einen neu Aufzunehmenden einen Streit erhebt, in Werhaft genommen werden.
13) Der angehende Maurer soll schwören, kein Dieb zu sein, noch einen solchen unterstützen zu wollen.
14) Auch soll er einen ehrlichen Eid schwören und diesen Verordnungen und seinem Könige treu sein. Ferner sollen sämmtliche Maurer denselben Eid auf die vorliegenden Punkte schwören, und wer sich gegen einen derselben vergangen hat, der soll gegriffen und vor die Versammlung gebracht werden.
15) Wer sich aber dagegen vergangen hat und Besserung verspricht, soll doch nie wieder in das Handwerk aufgenommen werden; verspricht er aber keine Besserung, so soll ihn der Sheriff greifen und einkerkern, so soll man seine Güter confisciren, bis der König Verzeihung gewährt.

Jedes oder um das dritte Jahr soll eine Versammlung gehalten werden, um die Mängel, die man wahrgenommen, zu verbessern;, und wer ausgenommen sein will, soll die Statuten des Königs Adelstan beschwören.

Die Langform in Reimen findet sich netterweise in der übersetzten Ausgabe von „Urgeschichte der Freimaurerei in England“ von 1842.

Ach ja: Besonders historisch Interessierten möchte ich noch einmal die Petition gegen die Streichung der Landeszuschüsse für Archäologie und Denkmalpflege in NRW ans Herz legen.

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