Serious Games: Ernste Spiele

Ich habe vorhin ein sehr interessantes Gespräch über das Konzept „Serious Games„geführt mit jemandem, der sich wirklich damit auskennt.  Im ersten Moment mag der Begriff ein Widerspruch sein, aber hinter ihm verbirgt sich vereinfacht gesagt der Versuch mit spielerischen Methoden Wissen zu vermitteln. Ursprünglich stammt es aus dem Bereich der „ernsten“ Flugsimulation und wird auch von Militärs und in der Medizin verwendet, aber auch im Bereich „spielerisches Lernen“ wird dieses Feld immer wichtiger.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe Lernspiele, aber sie haben oftmals das gleiche Problem wie gesundes Essen: „Spiel das, da lernst du was“ hat für Jugendliche ein ähnliches Anziehungspotential wie „Iss das, das ist gesund“… nämlich gar keines. Daher stehe ich reinen Lernspielen recht zwiespältig gegenüber. Trotzdem, und das ist meine ganz persönliche Meinung, sollte sich jeder, der im Unterhaltungsbereich, speziell im Gamedesign arbeitet, über seine Verantwortung bewusst sein. Es mag niemand mit einem Knüppel hinter einem stehen, wenn man sie ignoriert, aber es ist eine implizite Verantwortung, seine Möglichkeiten zu nutzen dem Anwender, also dem Spieler, einen eigenen kleinen Nährwert zu vermitteln.

Ein Beispiel: Es gibt mehr als genug Leute, die alle Pokemons mit Namen und Fähigkeiten auswendig aufsagen können oder jede Bosstaktik in Azeroth kennen, aber nur eine rudimentäre Ahnung haben wer Helmut Kohl ist oder wie Prozentrechnung funktioniert. Tatsächlich stopfen wir uns, ganz besonders wir Rollenspieler, das Hirn mit nutzlosem Pseudowissen voll. Ich kann immer noch die Fernkampfmodifikatoren, Salvenregeln und Munitionstypen für Shadowrun 3, und zwar auswendig und im Schlaf, und ich weiß auch noch, wieviel Prozent Trefferwertung man bei WoW für einen drei Stufen höheren Raidboss braucht, aber wann Friedrich Barbarossa geboren ist… keine Ahnung. Und dabei sollte ich DAS definitiv wissen. Ich denke so ähnlich geht es uns allen. Was also schadet es, wenn man in Unterhaltungsmedien ein wenig Bildung einfließen lässt? Plakativ und mit dem erhobenen Pädagogenfinger mag es abschreckend sein, aber als integraler und ganz natürlicher Teil des Spiels und unbewusst konsumierbar ist es doch ein Leichtes. Ob historisch halbwegs korrekte Settings bei Cthulhu (oder Call of Duty, wenn wir schon dabei sind), oder Grundwissen aus anderen Fachbereichen, das Potential ist groß und eigentlich leicht greifbar. Ich für meinen Teil habe die nordamerikanische und europäische Geographie erst dank Railroad Tycoon wirklich kennen gelernt, von der Karibik dank Pirates ganz zu schweigen. Sid Meier hat auf diesem Feld einiges geleistet.

Natürlich ist hier auch Missbrauch Tür und Tor geöffnet, ob in Form von „Produktplatzierung“ oder der moralischen Gewichtung von spielerischen Entscheidungen (bei Master of Orion II beispielsweise lohnt es sich bei der Punktabrechnung eher, wenn man ein Genozid betreibender Rassist ist als ein Diplomat) , was ein Grund mehr ist seiner Verantwortung bewusst zu sein.

Von daher ein Appell aus dem Nerdkeller: Bildung und Spiel sind kein Widerspruch. Nutzt eure Möglichkeiten! Und wenn nur aus der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft heraus.

Nachtrag: Auch auf der CeBit sind Serious Games ein Thema.

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2 Antworten zu Serious Games: Ernste Spiele

  1. marcelaubron schreibt:

    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Umsetzung tatsächlich funktionieren kann – Sid Meier hat natürlich einiges geleistet, aber die Informationen waren doch eher rudimentär und auch nicht immer korrekt, wenn ich mich recht entsinne (siehe Konzept von „Korrektheit“ bei historischen Themen aus US-Amerikanischen Game-Schmieden – ‚Age of Empires‘ hat nun wirklich alles Militärische verbraten, aber nur ansatzweise erklärt.)

    Ich würde mir ehrlich wünschen, dass das funktioniert – und ein Spiel wie ‚Portal‘ fördert vermutlich Problemlösungskompetenzen mehr, als es meine Sniperfähigkeiten in irgendeinem beliebigen Egoshooter können – aber dann gibt es auch wieder Studien, die Egoshootern genau das unterstellen. 🙂 Ich bin da hin- und hergerissen.

    Und nein. Nicht jeder kannte alle Werte bei WoW. Nur die Leute, die völlig durch waren 😉 Was in meinen Augen nur ein sehr kleiner Prozentsatz des Gesamtspiels sein kann – oder?

    Für mich hört sich das – um ein- bis zwei Ebenen verschoben – wie die grundlegende Diskussion um die Aufgabe unserer Museen an: Sie sollen Inhalte und Wissen vermitteln, können es aber nur selten mit Spiel, Spaß und Spannung. Ich möchte jetzt keine Paintballmeisterschaft im Pergamonmuseum, denn ich glaube, dass man Wissen auch ohne ständige Veralberung ansammeln kann, aber es wäre durchaus mal spannend zu wissen, ob das „Serious Gaming“ neben dem Ansatz „SPIEL SPASS SPANNUNG FÜR WISSENSGEWINNUNG“ auch noch andere Themen verfolgt. Faszination entsteht nicht immer im spielerischen Umfeld.

    Davon abgesehen: Der Aufruf ist natürlich voll und ganz zu unterstützen! Wissen ist Macht. 🙂

  2. Jan schreibt:

    Ich habe auf der Arbeit am Rande mit Serious Games zu tun gehabt, weil ein Teil der Abteilung sich damit befasst hat. Da kam bei Mühe immer die Frage auf, wie man ein von Haus aus meist langweiliges Lernthema in ein spannendes Spiel verwandelt. So endet es dann auch meist, auch wenn es viele interessante letnzentrierte Spiele gibt. Aber der Ansatz, dem Du Schulreferat erscheint mir deutlich vielversprechender. Man konzentriert sich bei dem Spiel nicht vorrangig auf das lernen, sondern baut in das spiel will immer möglich zu lernende und dementsprechend auch wertvolle Inhalte ein. Finde ich ne echt coole Sache.

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