GPdrT: Der Ork auf dem Drahtseil

Balancing… tja… ein typisches Schlagwort unter (nicht nur Tisch-)Rollenspielern. Der Versuch, die im Spiel möglichen Charaktere in ihren Befähigungen halbwegs gleich stark zu gewichten. Das bedeutet nicht zwingend, dass alle Charaktere gleich gut kämpfen können sollen, aber ihre Fähigkeiten sollen sich im Spiel ähnlich nützlich erweisen.

Das Balancing ist eine uralte Problematik, und spätestens seit dem fröhlichen Rumgepatche von WoW weiß man, dass selbst eine Multimillionenfirma wie Blizzard leichte Probleme hat, zwischen dem „nerf Palabubble!!!“ und „Mimimi… warum hat mein Pala den kleinsten?!?“ den perfekten Mittelweg zu finden. Ich hatte bei WoW irgendwann den Eindruck, dass sie sich auch vom Balancing verabschiedet haben und einfach via „große Schüppe“ abwechselnd alle Charakterklassen mal bevorzugt und mal runtergenerft haben. Bei Urgroßvater Tischrollenspiel ist die Suche nach dem Mittelweg ähnlich schwierig, auch wenn man durch Charakterspiel und Regelkenntnis noch zusätzlich einiges raus holen kann.

Aber DSA4.1, als mein aktuelles Arbeitsobjekt, ist was Balancing angeht… tja, seien wir ehrlich: Da gibt es eins? Meiner Meinung nach funktioniert das Grundkonzept, der Uranspruch von Balancing hier gar nicht erst. Denn je mehr Optionen man bei Generierung und Steigerung hat, je freier als Generierung und Entwicklung sind, desto schwieriger wird es ein irgendwie vordefiniertes Powerniveau zu halten. Und der Knackpunkt dabei ist: Die doch recht freie Generierung und Entwicklung ist deutlich auf der Pro-Seite von DSA4 zu verbuchen. Als Nebenprodukt bedeutet das aber, dass man mit den gleichen GP und AP sowohl Captain Unbrauchbar, den putzbegeisterten Zuckerbäcker, generieren kann, als auch Sir Slay-A-Lot, den Moulinex-Krieger. Und während manche Spieler mit dem Brustton der Überzeugung darüber palieren können, ab wann ein Held denn bitteschön aaallerfrühstens ein Kampftalent auf 18 haben darf und dabei 50 Prozent ihrer AP in Fluffskills blasen „weil ein Ritter von Stand doch auch tanzen und dichten können muss“, treten die Spieler von Sir Slay-A-Lot und seinen Freunden den nächsten Riesenlindwurm um.

Das soll keine Wertung sein, jede Jeck is anners, aber es macht es einem Autoren nicht unbedingt einfacher. Nehmen wir als Beispiel einen NSC aus meinem aktuellen Projekt „Goldner Pfeil durch rotes Tuch“. Es ist ein erfahrener Okwach, die Elite der Stammeskrieger der Orks. Von denen laufen einige in der Kampagne durchs Bild, es geht also unter anderem um die flauschigen Bewohner des Orklandes, und es sei gesagt: Sir Slay-A-Lot wird einiges zu tun bekommen. Mit ein wenig Glück kann man sogar Ronnis und Praioten mal so richtig auf Kante fahren. Aber wie auch immer, schauen wir uns mal die Werte an:

Werte eines Okwach-Veteranen

MU 18 KL 12 IN 14 CH 9 FF 11 GE 14 KO 17 KK 17

Byakka mit gr. Lederschild: INI 14+1W6 AT 20 PA 21 TP 1W6+7 DK N

Hornbogen: INI 15+1W6 AT 26 TP 1W6+5 RW 6/18/36/72/120 (+3/+1/0/-1/-2)

LeP 45 AU 47 WS 11 RS 6 MR 4 GS 8

Vorteile: Eisern, Natürliche Waffe (Biss), Natürlicher RS (1), Zäher Hund

Sonderfertigkeiten: Aufmerksamkeit, Berittener Schütze, Finte, Gegenhalten, Kampfreflexe, Kriegsreiterei, Meisterparade, Rüstungsgewöhnung III, Schnellladen, Scharfschütze, Schildkampf II, Sturmangriff, Waffenlose Kampftechnik: Hammerfaust, Wuchtschlag

Fertigkeiten: Reiten 14, Selbstbeherrschung 9, Sinnesschärfe 9

Besonderer Besitz: (Kriegspony, Persönlicher Bogen, gehärtete Kriegspfeile, Persönliche Waffe mit TP +1)

Tja, ist der jetzt gut (so ich mich nicht irgendwo ernsthaft verrechnet habe. Ich muss da noch ein paar Details überprüfen)? Mein Charakter mit den meisten AP ist ein Zwergenhandwerker/Klopper mit ca. 14.000 AP, aber mir ist natürlich bewusst, dass ein Krieger o.ä. mit akademischer Ausbildung noch deutlich mehr an Kampfkraft aus den Punkten rausholen könnte. Aus meiner Spielerfahrung heraus ist der Okwach da oben schon ne ganz schöne Sau. Andererseits weiß ich von Spielern, die unter 20.000 AP gar nicht erst die Würfel auspacken. Man könnte jetzt natürlich sagen: Da jede Gruppe bei einem „erfahrenen Stammeskrieger“ völlig unterschiedliche Wert erwartet, weil für jede Gruppe „erfahren“ etwas anderes bedeutet, kann man auch einfach eben dieses Schlagwort so stehen und die Werte weg lassen. Aber das wiederum widerspräche deutlich zumindest dem meinigen Verständnis von Service in einem Kaufabenteuer. Ein Teufelskreis. Gibt man feste Werte an, werden sie für die einigen zu lasch, für die anderen zu stark sein. Gibt man keine an, halst man dem SL einen Teil der Arbeit auf, für die er eigentlich bezahlt hat. Man kann natürlich für jeden potentiellen Gegner mehrere Werteblöcke angeben, aber das drängt die ganze Sache irgendwann einfach tief rein in die Beliebigkeit. Die Unterpunkte „zu leicht“ und „zu schwer“ bringen hier zwar etwas Linderung, aber die Grundproblematik bleibt: DSA 4.1 hat kein klares Balancing, und ich glaube immer weniger, dass je wirklich eins geplant war.

 

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5 Antworten zu GPdrT: Der Ork auf dem Drahtseil

  1. flippah schreibt:

    Meine Idee für die Quadratur des Kreises wäre, es offenzulegen.

    Zum einen bekommt der NSC eine Charakterisierung seiner Funktion (Dieser Okwach soll für die Kämpfer eine echte Herausforderung sein), dazu stehen dann die Werte da – und zum Thema Werte wird an zentraler Stelle vermerkt, dass die Werte der NSCs auf den Spielstil der Spielrunde des Autoren abgestimmt sind und dass sie je nach Spielstil angepasst werden sollten – wobei man sich halt an der jeweiligen angemerkten Funktion des NSCs orientieren möge.

    Besser kriegt man den Kreis wohl nicht quadiert.

  2. Gerrit schreibt:

    Ich denke immer bei solchen freieren Systemen, dass man eigentlich neben der Stufe einen Kampfkraftwert haben muesste, der sich aus diversen, fuer den Kampf relevanten, Werten ableitet (evtl. sogar dynamisch, je nach aktueller Lebens- und Astralenergie). So koennte man objektiver seine Kampfbegenungen planen. Hier haette vielleicht der Slay-a-lot nur Stufe 5, aber einen Kampfwert von 8, der Saenger XY aber eine Stufe 8, aber einen Kampfwert von 2.

  3. Adrian schreibt:

    Ich kenne mich mit DSA so gar nicht aus, aber ein einfaches Element zum Ausbalancieren ist die Fähigkeit eines Gegners, Schaden einzustecken. Welche Motivation hat dieser NSC bis zum Tod zu kämpfen? Tut sich die Gruppe zu schwer, dann flüchtet er schon bei leichter Verwundung, ist die Gruppe stark, dann kämpft er länger oder gar bis zum Tod…

  4. FRAZ schreibt:

    Hallo Eismann.
    Orkische Gegner sind zweifellos stark, aber Dein Okwach ist schon krass.
    Nur die angegebenen Werte kosten im optimalsten (und damit unwahrscheinlichen) Fall fast 10.000 AP. Dabei vermisse ich übrigens das für Stammeskrieger verbilligte Niederwerfen.
    Selbst damit komme ich mit einem maximalen TaW 20 (zuzüglich Spezialisierung) für Hiebwaffe nicht auf die von dir ermittelten Kampfwerte:
    Kann es sein, dass Du vergessen hast bei der Parade mit dem Byakka den WV einzurechnen?
    Der Schild ist mit seiner maximalen PA 18 (PA-Basis +5 für Schildkampf +4 Schildmodifikator) nur Beiwerk, sieht man einmal von der zusätzliche Parade ab.
    Rüstungsgewöhnung I würde reichen. Da Bogen und Hiebwaffen eBE -3 haben, kommt Du beim angestrebten RS 5 mit BE 4 völlig aus.
    Kriegsreiterei finde ich persönlich bei der Waffenkombination überflüssig.

    Du hast doch schon „Zu schwer? Zu Leicht?“ erfolgreich eingeführt, oder? Macht es nicht mehr Sinn, den Krieger etwas niedriger anzusetzen und die Häcker mit erschwerten Kampfbedingungen zu drangsalieren?

    Gehe ich Recht in der Annahme, dass Du mit dem Projekt beauftragt wurdest, über das ich bei Nandurion nur gehört habe: „Es ist was zu Orks geplant und in Arbeit, erscheint wahrscheinlich im nächsten Jahr.“?

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