Ritterlichkeit für Mantafahrer

Was unterscheidet den edlen Baron Tankred von Norberg von dem zwergischen Bauhelfer Grotho Steinbrecher? Reicht es, dass der eine „ihrt“, die Titel aller geistlichen und weltlichen Würdenträger kennt und sich im richtigen Moment zu verbeugen weiß, während der andere alles und jeden dutzt und ungeniert rülpst, furzt und in der Nase popelt?

Wenn ich beispielsweise für DSA eine Reisefibel für fahrende Rittersleut (und von mir aus auch Krieger) schreiben sollte, was ich nicht tue und was definitiv auch nichts mit dem Geheimband für die RatCon zu tun hätte, aber würde ich sie schreiben, dann wäre mein allererster Griff zu einer wirklich guten Lektüre zu diesem Thema, nämlich zu „Der Welsche Gast“ von Thomasin von Zerklaere. Dieses praktische Handbuch aus dem Jahre 1216 enthält eigentlich alles, was ein junger Adeliger über gutes Benehmen und Sittsamkeit wissen muss, und das auch noch in mittelhochdeutscher Reimform, damit auch der einfache Krautjunker versteht und sich merken kann, wie man sich als „man of wealth and taste“ richtig verhält.

Wenn man sich dabei die verschiedenen Regelungen anschaut, kann man durchaus zu dem Verdacht kommen, dass die jungen Leute damals mindestens so schröcklich waren wie heute, denn es werden auch einfachste Benimmregeln für so ziemlich alle Lebensumstände thematisiert. Und wie wir alle wissen: Es wird nur geregelt, was vorher falsch gemacht wurde… und das ist eine ganze Menge. Fangen wir mit dem Klassiker an. Man ist jung, hat ein neues, echt cooles Gefährt und will den Mädels mal zeigen was Sache ist. Nicht ganz einfach, aber zum Glück reicht da ein kurzer Blick in Teil I, Kapitel II:

Merkt euch, dass es auch ungehörig ist,
wenn ein Ritter reitet, wo eine Dame zu
Fuß geht. Glaubt mir, eine Dame soll
sich dem Kopf des Pferdes zuwenden,
wenn sie reitet. Man soll sich merken:
Keinesfalls soll sie querüber sitzen.
Ein Ritter soll nicht aus Übermut
auf Damen zureiten; bestimmt hat eine
erschrockene Dame oft einen Satz
gemacht, der besser unterblieben wäre.
Wer seinem Pferd die Zügel schießen lässt,
so dass es auf eine Dame zugaloppiert,
ich meine, dass auch dessen Ehefrau
[in ihm] nicht ihren Meister findet.
Gute Erziehung verbietet den Rittern generell,
allzu oft ihre Beine zu betrachten,
wenn sie reiten; meiner Meinung nach
soll man geradeaus schauen.

Also nicht einfach drauf los heizen und im letzten Moment bremsen. Das ist nicht cool, das ist daneben. Und überhaupt, Augen auf die Straße, nicht auf die Alte!

Will eine Dame durch gute Erziehung
ausgezeichnet sein, soll sie nicht ohne Überkleid
herumlaufen. Wenn sie kein Überkleid trägt, soll
sie ihre Kleidungsstücke zusammenhalten.
Läßt sie an sich etwas Nacktes sehen,
verstößt das sehr gegen die gute Erziehung.
Wenn ich recht unterrichtet bin, soll ein
Ritter Damen nicht schenkelfrei aufsuchen.

Nicht wirklich überraschend… weniger ist mehr, zumindest was Haut zeigen angeht. Lustigerweise etwas, was man auch heutzutage immer mal wieder hört.

Aber das große Spiel des korrekten Benehmens geht erst so richtig an der festlich gedeckten Tafel los. Feiern bedeuten im Hochmittelalter meist auch Gelage, und da ist für den unerzogenen, triebgesteuerten Jungritter einiges zu erlernen:

Bei Tisch soll höllisch acht geben,
wer sich richtig verhalten will; dazu
braucht es eine sehr gute Erziehung.
Ein jeder treffliche Hausherr gebe
acht, ob alle ausreichend versorgt sind.
Das Gast sei so wohlerzogen,
daß er sich so benimmt, als ob er
gar nichts [davon] bemerke.
Wer richtig Bescheid weiß,
soll, wenn er anfängt zu essen,
nichts außer seine eigenen Speisen
mit der Hand anfassen, so ist es korrekt.
Man soll nicht schon das Brot essen,
bevor die ersten Gerichte aufgetragen sind.
Ein Mann soll sich sehr in Acht nehmen,
daß er nichts beidseits
in den Mund stopfe.
Dabei soll er sich in Acht nehmen,
daß er nicht trinke und nicht spreche,
solange er noch etwas im Mund hat.
Wer sich, als ob er ihn teilhaben lassen wolle,
dem Tischnachbarn mit dem Becher zuwendet,
bevor er ihn noch vom Mund genommen
hat, den hat der Wein dazu verleitet.
Schaut einer beim Trinken über den Becher
weg, ist das kein hofgemäßes Verhalten.
Ein Mann soll nicht zu gierig sein,
so daß er sich vom Nachbarn nehmen,
was ihm in die Augen sticht, denn man
soll nur von der eigenen Seite essen.
Man soll immer mit der
entgegensetzten Hand essen.
Sitzt dein Tischnachbar rechts von dir,
dann iß sogleich mit der anderen.
Man soll willig unterlassen,
mit beiden Händen zu essen.
Man soll auch nicht zu gierig sein, so
daß man mit dem Tischnachbarn zugleich
die Hand in die Schüssel steckt,
denn er zieht seine sofort zurück.

Ich finde man kann sich bildlich vorstellen, wie es normalerweise bei Ritters zu Hause abläuft, und wie das Idealbild dazu im Gegensatz aussieht. Aber neben solchen simplen Punkten finden sich aus ausgiebige Erörterungen über Bildung, Moral, den Umgang zwischen Frau und Mann, die Gefahren von Lüsternheit und Verführung, Regeln für Gesprächsführung und die Schädlichkeit der Völlerei und Trunksucht. Wer sich also für das Themenfeld „Höfisches Benimm“ interessiert, dem kann ich „Der Welsche Gast“ von Thomasin von Zerklaere nur ans Herz legen, beispielsweise in der übersetzten Fassung von Eva Willms beim Walter de Gruyter-Verlag. Kostet neu 30 Euronen und ist für Freunde historisch korrektem Soziallebens (und für Rollenspieler, die an der Darstellung ihrer ritterlichen Charaktere große Freude haben)  sicher eine interessante Investition.

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