World of Orkse

Wie sich hier bereits ablesen lässt, beschäftige ich mich zur Zeit mal wieder mit Orksen. Und zwar nicht unbedingt mit den Ursprungs-Orks von Tolkien sondern mehr mit dem, was bei DSA daraus geworden ist.

Wie immer gilt dabei: Erstmal schauen, was die Geschichte mir dazu liefern kann. Es scheint ganz so, als würden die Orks speziell bei DSA dem historisch überlieferten Klischeebild der zentralasiatischen Reitervölker ähneln, vulgo: Hunnen und Mongolen. Die gelten auch als hässlich, (schwarz)haarig, gottlos und heidnisch, aggressiv und zu jeder Schandtat bereit, selbst zur Zerstörung um der Zerstörung willen. Da ich persönlich aber Hunnen wie Mongolen was das angeht arg ausgelatscht finde, wandert mein Blick immer wieder zu den Magyaren, also den Ungarn, die um 900 den Spielplatz Mitteleuropa betreten haben. Als finno-ugurisches Volk haben sie dafür einen echt weiten Weg von jenseits des Urals hinter sich gebracht, um sich letztendlich im heutigen Ungarn anzusiedeln. Und ab genau dieser Ansiedlung beginnt die ganze Sache. Junge Magyaren schwärmen aus und plündern in den umliegenden Ländern, speziell Bayern, Sachsen und Norditalien, aber auch bis nach Metz alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Eine besonders unterhaltsame Schilderung über eine solche Plündertour stammt dabei aus der Casus St. Galli, den Klostergeschichten von St. Gallen.

Alles beginnt mit dem Einfall der Ungarn in die Region der heutigen Schweizer Nordgrenze. Die Brüder des St. Gallener Klosters haben für diesen Fall vorgesorgt und eine schicke Wallburg ganz in der Nähe erbaut. Zur Sicherheit haben sie zudem ihre Bibliothek in die fähigen Hände ihrer Kollegen aus Reichenau gegeben, auch wenn die sie später über den Tisch ziehen, da sie zwar die gleiche Anzahl an Büchern wieder zurück schicken, nur dummerweise andere Exemplare. Aber kommen wir zurück nach St. Gallen.

Die Magyaren nähern sich und die Klosterbrüder schleppen den Klosterschatz und so ziemlich alles andere aus dem Kloster raus, um sich in ihrer Burg zu verstecken. Tja, bis auf Bruder Heribald. Nicht, dass Heribald eine Mischung aus Lasko und Chuck Norris wäre, er ist nur ziemlich verschroben und weigert sich zu gehen. Seine Begründung laut Klosterchronik lautet: „Wahrlich, mag fliehen, wer will; ich wenigstens werde niemals fliehen, hat mir doch der Kämmerer dieses Jahr mein Schuhleder nicht gegeben.

Tja, keine Schuhe, keine Flucht, so einfach ist das. Der verwirrte alte Mann spaziert also sorglos herum, während die Ungarn „köcherbewehrt und starrend von drohenden Speeren und Spießen“ ins Kloster eindringen. Mit einem Übersetzer kriegen die Ungarn schnell raus, was Sache ist: „sowie sie aber seiner unglaublichen Narrheit innewurden, gaben sie ihm alle lachend Pardon.“

Stattdessen machen sich die wilden Reiter aus dem Osten daran den Laden ausgiebig zu plündern. Den Altar lassen sie stehen, da sie raus gefunden hatten, dass in den teuer aussehenden Dingern „nichts als Knochen und Asche“ zu finden ist. In der Schatzkammer ist außer ein bisschen Plunder auch nichts zu finden, also fangen die Herrschaften erstmal an sich zu besaufen und Unfug anzustellen. Und weil es so schön ist, zitiere ich ab hier erstmal ein Stück: „Zwei von ihnen erstiegen den Glockenturm: der Hahn auf der Spitze sei aus Gold, so wähnten sie, und der Gott der Stätte, die so heiße („Gallus“ eben), könne nur aus dem Stoff eines wertvolleren Metalls gegossen sein, und da ihn der eine mit der Lanze losreißen wollte und sich dabei zu stark vorbeugte, stürzte er aus der Höhe in den Vorhof und kam um. Der andere gelangte unterdessen zur Spitze der östlichen Zinne, und als er zur Schmach eben der Tempelgottheit sich anschickte, den Leib zu entleeren, stürzte er rücklings herab und ward völlig zerschmettert.

Tja, beim Kacken auf eine Kirche abgestürzt. Viel unwürdiger gehts wohl kaum. Die Leichen werden verbrannt und die Orks… äh… Magyaren fangen erstmal an den essbaren Teil ihrer Beute zu verwerten. Netterweise haben sie Bruder Heribald gleich mit durchgefüttert: „Auch Heribald sättigte sich in ihrem Kreise mehr als jemals sonst, wie er nachher gern erzählte„. Die Tischsitten unserer Plünderer sind dabei eher überschaubar: „Die Ungarn aber zerrissen halbrohe Schulterstücke und andere Teile geschlachteter Tiere ohne Messer mit ihren Zähnen, und hatten sie das Fleisch verschlungen, bewarfen sie sich untereinander zum Spaß gegenseitig mit den abgenagten Knochen. Auch Wein, in vollen Fässern in der Mitte aufgestellt, schöpfte jeder nach belieben, soviel er gelüstete. Nachdem sie aber vom Wein heiß geworden, schrieen sie alle in greulichster Weise zu ihren Göttern.“ Heribald und ein wohl schon früher gefangener Kleriker müssen bei dem Geschrei mit machen, und dann fängt letzterer an „die Antiphon vom heiligen Kreuz“ zu singen, also ein kirchliches Lied. Den Ungarn scheint das ziemlich zu gefallen, denn: „Bei dem ungewohnten Gesang der Gefangenen strömten alle, die da waren, zusammen, und in ausgelassener Freude tanzten und rangen sie vor ihren Anführern.

Dummerweise kommt der Kleriker auf die Idee, genau jetzt um seine Freilassung zu bitten, was bei unseren Plünderern nur bedingt auf Begeisterung stößt: „Doch jene in ihrem gar rohen Sinn bedeuteten ihren Gesellen mit Zischen und einer Art greulichem Grunzen, was sie wollten. Und wütend stürzten sie herbei, packten den Mann im Nu und zückten ihre Messer, um das Spiel, da die Deutschen „Picken“ (im lateinischen Original „Picchin“) nennen, an seiner Tonsur zu üben, ehe sie ihm den Kopf abschlügen.“ Zu seinem Glück werdeb sie im letzten Moment abgelenkt, weil ein paar Späher die Wallburg der Klosterbrüger entdeckt haben und nun Alarm schlagen. Die Ungarn schauen sich die Burg an, stellen fest, dass es sich nicht lohnt sie zu belagern, fackelen zu guter Letzt ein paar Hütten ab und machen sich auf den Weg Richtung Konstanz.

Ich persönlich kann mir eine ähnliche Szenerie mit Schwarzpelzen, die in Weiden eindringen, perfekt vorstellen. Und wieder einmal beweisen historische Quellen: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

 

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7 Antworten zu World of Orkse

  1. Shadom schreibt:

    Sehr amüsant aber…
    Sehe ich das richtig? Dein Argument ist:
    Orks in DSA sind wie Mongolen im Klischee.
    Mongolen sind ein bißchen so wie alte klischee Ungarn.
    Also sind Orks wie Ungarn.
    Wo ist jetzt der Erkenntnisgewinn oder die Vereinfachung?

    • eismann2060 schreibt:

      Ich wusste gar nicht, dass ich einen Erkenntnisgewinn produzieren wollte… außer vielleicht, dass die Casus s. Galli von Ekkehard IV. nicht nur interessante Parallelen zur Darstellung von Orks aufweist, sondern diese auch wunderschön umsetzt.

  2. Wulf Seehoff schreibt:

    Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass der Bericht der Gallener höchstwahrscheinlich nicht wiedergibt, wie sich die Magyaren wirklich verhalten haben, sondern so, wie die frommen Klosterbrüder ihr Verhalten darstellen wollten. Gerade die Episode mit dem Kirchturm eignet sich hervorragend, den Fein lächerlich zu machen. Vielleicht war’s auch tatsächlich so. Auch wenn das Thema deines Artikels keine historische Quellenkritik ist, sollte sicherlich daraus hervorgehen, dass es hier um das Bild der Magyaren, nicht um die Magyaren selbst geht. Sonst bleibt am Ende noch hängen: Die Vorläufer der Ungarn waren sowas wie die heutigen DSA.Orks…
    Gruß!

    • eismann2060 schreibt:

      Natürlich ist es immer Rezeption. Wobei die Beschreibung schon ziemlich einmalig ist und ich mir so recht nicht vorstellen kann, dass Heribald und der fremde Kleriker frei erfunden sind, nur um einen Topos möglichst detailiert bedienen zu können. Aber ein gewisses Vorurteil ist ja aus den Zitaten auch deutlich heraus zu lesen.

  3. Jan schreibt:

    Das ist ja fast was für unser aller Lieblingsfernsehsendungen wie „Mitten im Leben“ 😉 Schon komisch, dass die Orks bei DSA an die Mongolen angelehnt sind und dann auch noch übers Gebirge aus dem Nordosten kommen. Ein Schelm wer böses dabei denkt. Sag noch einer Toleranz zu mir. Aber die Geschichte von den Ungarn ist wirklich gut. Und beim Kacken vom Dach fallen… das hat echt Stil.

  4. FRAZ schreibt:

    Das Klischee der primitiven, brutalen Mongolen und Hunnen als Vorbild für die Orkse ist ausgelutscht. Es lebe das Klischee der primitiven, brutalen Ungarn als Vorbild für die Orkse!?

    Nette Geschichte, aber wie sollte das Szenario dazu aussehen? Vorgeben kannst Du nur „Dringt jetzt mal bitte auf lustige Weise in Weiden ein.“ Der Rest liegt weitgehend in der Hand der Spieler. Und ob die deine Vorstellung von Orksen teilen oder eigene Klischee einbringen lässt sich schwer vorhersagen.

    Ich mag Orkse und würde sie gerne besser in Aventurien sozialisieren. Bis dahin empfehle ich Dir aber eher einen flotten Sprung übers Gebirge nach http://www.Rakshasar.de. Dort kann sich eine Orktruppe mal so richtig auslassen.

    Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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