Was vom Tage übrig blieb: Teil 3

Die olle SR-Ente

SKlation. Unter diesem Kürzel wurde noch in der guten, alten FanPro-Zeit ein Metaplot entwickelt, der sich über diverse Publikationen ziehen sollte, um dann im Rhein-Ruhr-Plex sein grandioses Ende zu finden.

Wie vieles andere in den letzten Jahren ist auch dieser Plot mit Anlauf beerdigt worden, daher sehe ich kein Problem ihn etwas näher zu skizzieren:

Lowfyr hat sich entschlossen politische und territoriale Macht in der ADL zu übernehmen. Nicht als großer Führer, auch wenn das zumindest kurz zur Diskussion stand, sondern als der Lenker hinter den Polit-Marionetten. Der Weg dazu sollte blutig, aber wunderbar perfide sein. Als Mittel zum Zweck waren die seit Jahren in den Seilen hängenden Neo-Anarchisten angedacht. Ohne ihre Kenntnis begann SK Geld und Material in diese Subkultur zu stecken und SK-treue V-Leute und Schläfer in Schlüsselpositionen zu positionieren. Gleichzeitig erhöht SK über Strohmänner und den ausgiebigen Einsatz austauschbaren Menschenmaterials (alias Shadowrunner) den sozialen Druck in den vielen Ghettos der ADL, durch Arbeitslosigkeit, Schließungen von Suppenküchen, Stromausfällen und Polizeibrutalität. Nach einiger Zeit sollte, ausgelöst durch irgendeinen im ersten Moment unerheblichen scheinenden Zwischenfall der Aufstand ausgelöst werden, und während die Polizei- und Sicherheitskräfte aus unerfindlichen Gründen massive technische Schwierigkeiten haben, durch Ausfall von Funkverbindungen, Versorgungsproblemen und der vorzeitigen Verbreitung ihrer Einsatzziele können die Anarchos aus dem Vollen schöpfen. Chaos zieht sich von Berlin ausgehend nach und nach über die ganze ADL, und die Allianzregierung ist schnell nicht mehr Herr der Lage.

Doch dann erscheint der weiße Ritter in Gestalt von Lowfyr, der großzügig seine Hilfe anbietet. Er hat nur einige kleine, unbedeutende Wünsche, dann wäre er aber gerne bereit diesen Sumpf aus Terroristen und Chaoten auszutrocknen: Einen mit Vetorecht ausgestatteten Sitz in jedem Landes- und Regionalparlament und eine Zone fünf Kilometer rund um die SK-Arkologie von Essen als exterritoriale Zone. Ein unbedeutender Preis für Sicherheit und Frieden in der ADL. Nach einigen Tagen, vielleicht Wochen des Zögerns der Regierung und des Chaos in den Großstädten der ADL mit hunderten, vielleicht tausenden von Toten, knickt die Regierung ein. Truppen von SK rücken aus, unterstützt durch Panzer, Jagddrohnen und anderes schweres Gerät und befrieden die Krisenherde in kürzester Zeit. Bereits in den ersten Tagen sterben die meisten Anführer des Aufstandes, teilweise unter fragwürdigen Umständen, da V-Männer und Schläfer ihre Liquidationsbefehle erhalten haben, und schnell steht für jeden Konzernbürger in der ADL fest: Lowfyr ist unser Retter.

Für die Produkte hätte die ganze Sache dann so ausgesehen:

München Noir: SK unterstützt hinter den Kulissen Leon Durruti. Ein unter Linken beliebter Sänger schafft den Durchbruch und wird mit dem üblichen Geschwurbel, aber hübsch verpackt, zunehmend zur Stimme des „linken Widerstands“. Durruti stirbt in der Kampagne, aber Nachahmungstäter arbeiten in seinem Namen weiter, so dass viele Anarchos der festen Überzeugung sind, sein Tod sei nur eine Medienfinte gewesen. Das ist soweit auch in München Noir umgesetzt worden, Grundsteine waren gelegt.

Berlin: Grundidee war ein Quellenband mit Kampagne, wobei die Kampagne zwei geteilt ist. Der Berliner Osten sollte bestehen bleiben, jedoch haben sich die meisten Anarchos schon längst in den Westteil der Stadt abgesetzt und sich in den Untergrund verzogen. Der Ostteil bleibt nur als leere „Zone des Bösen“ mit ein paar übrig gebliebenen Hippie-Restposten und Austeigern für die Konzernpropaganda bestehen, damit man ein Beispiel hat, wie schlimm es den Leuten doch geht, wenn die Anarchos das Sagen haben. Außerdem können sich die Konzerne nicht einigen, wer den Berliner Osten übernehmen soll, denn mit der Übernahme ist auch der „Wiederaufbau“ verbunden, und der wäre teuer und fruchtlos. Allgemein ist Berlin von den verschiedenen Konzernsektoren dominiert, in denen die verschiedenen Konzerne auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, ihren Job zu machen. Sie haben nämlich quasi einen Freifahrschein von der ADL bekommen, in Berlin zu tun und zu lassen, was ihnen gefällt, so lange sie den nie so ganz genau ausdefinierten Wiederaufbau der Stadt nach der Besetzung (und offiziell Zerstörung) durch die bösen Anarchos voran treiben. Das sieht dann ganz unterschiedlich aus: In einem Sektor herrscht der Polizeistaat, Aztech versucht es mit Brot und Spielen, andere probieren soziale Experimente mit „sozialer Reintegration durch Arbeit“ aus, wieder andere schmeißen einfach die ganzen Heckenpenner raus und basteln an ihrem Konzernutopia oder geben nach einem halben Jahr auf und lassen abgesehen von ein paar PR-Projekten ihren Sektor verranzen. Dazwischen wandern die Anarchos in den Slums der Stadt herum und bomben zwischen den langen Schatten der Konzern-Arkos. Die zweiteilige Kampagne sollte sich darum drehen, dass die Runner von Konzernseite aus als Spione zu den Anarchos geschickt werden und eine der wichtigsten Gruppen in Berlin unterwandern. Man kann sich denken: Sie sollten für SK die Schläfer spielen. Dabei pendelt die Kampagne zwischen der Arbeit für SK und die Arbeit für die Anarchos hin und her, wodurch die Runner gezwungen sind auf beiden Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Lustigerweise explodiert in Berlin das Pulverfass, als besagter Sänger bei einer Polizeikontrolle umgebracht wird, und die Runner sind mitten drin. Straßenschlachten, Schießereien, Anschläge, Großbrände, das volle Programm, bis sie von SK den Liquidierungsbefehl bekommen. Da sie die Anarchos mittlerweile kennen gelernt haben, können sie nun selbst entscheiden, ob sie ihrem Job nachgehen und ihre neuen „Freunde“ einfach umlegen, oder ob sie ihnen helfen aus der Berliner Hölle zu entkommen. Um diese Zwiespältigkeit in der Handlung zu zeigen, sollte das Buch ein Doppelcover bekommen, auf der einen Seite die Konzernseite, auf der anderen die Anarchoseite, und im Finale sollten sich beide Seiten in der Mitte des Buches treffen. Wie man sich denken kann ist abgesehen von dieser Doppelcoveridee nicht viel übrig geblieben.

Rhein-Ruhr: Nachdem Lowfyr nun bekommen hat, was er wollte, steht der Ausbau von Essen an, das große Konzern-Utopia, oder – auch wenn das intern zu Protesten geführt hat – Albert Speers feuchter Stadtplanungstraum. Die 5km-Zone um die Arko wäre sein privater Spielplatz geworden (daher auch die angedeutete, aber dann wieder platt gebügelte Kreisform im RRP). Ein klein wenig ist davon in der Beschreibung von Essen übrig geblieben, aber halt ohne Kontext dieses Metaplots und daher monolithisch. Die ADL wäre nun von SK dominiert (was es jetzt so halb auch schon ist), Lowfyr der Good-Guy und damit ein echter Reibungspunkt, Berlin zumindest offiziell befriedet, Essen eine utopische Konzernfestung mit Paradestraßen und Prunkbauten, in denen der Lovewyrm auch mal in seiner natürlichen Gestalt spazieren gehen kann, und die Anarchos wären erstmal ordentlich aus dem Bild getreten. Eine neue Ära hätte beginnen können.

Tja, was solls, ist halt nichts geworden.

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5 Antworten zu Was vom Tage übrig blieb: Teil 3

  1. Das ist bitter; die Story hätte mich als überzeugten Seattle-Only-Spieler dazu gebracht, in die ADL zu gehen.
    Gute Geschichte. Woran ist das gescheitert? An der Lizenzabgabe?

  2. Thomas schreibt:

    Ich muss auch sagen, dass das ziemlich gut klingt und auch sehr cyberpunkig. Schade, dass nichts draus geworden ist.
    Nur eines, aber das hat eigentlich mit dem Metaplot nicht viel zu tun. Ich hätte es lieber gesehen, wenn in Berlin der Osten Konzernzone, der Westen Anarchozone geworden wäre. Nichts gegen das Verarbeiten von und Bezugnehmen auf Geschichte, aber lieber etwas verdreht und „dekonstruiert“.
    Anyway, schade drum.

  3. philippspreckels schreibt:

    Interessant. Gab es auch Überlegungen dazu, wie die anderen Würmer auf die Machtergreifung von Goldbubie reagiert hätten?

    • Sphyxis schreibt:

      Haach,
      schöne Idee eigentlich, vielleicht etwas zu umwälzend für meinen Geschmack, aber zumindest ein roter Faden, der die 3 Städtebände gut verbunden hätte und dem ich als Spieler auch gerne mal gefolgt wäre.
      Errico Ancona, wie konnte ich den bei meiner Lektüre von „München Noir“ bloß übersehen?

      Um einmal anachronistisch zu denken: Würde man diesen Metaplot mit dem jetzigen um Lowfyr und Hestaby paaren, dann hätte sich der Konflikt wahrscheinlich stark in die ADL verlagert.

      Hm, eigentlich könnte man aus diesem Metaplot im kleinen Rahmen ja immer noch etwas machen. Vielleicht nicht unbedingt eine Komplettumwälzung, aber ausgehend von der Ermordung des Sängers Ancona…

  4. Justizopfer schreibt:

    Tja. Die hätte man dann im Verschwörungstheorien auch noch wunderbar einbauen können, das Leute dem Wyrm auf die Schliche gekommen wären und hätte einen wirklich guten Plot dargestellt. Davon wusste ich bisher noch gar nix. Schade eigentlich.

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