Praios vult! Als Praiot hat mans schwer

Man hats nicht leicht als Götterfürst, und noch schlimmer ist es als sein derischer Vertreter. Man ist immer der Depp, wird wahlweise als faschistoider Gesetzbuchfetischist oder naiver Idiot dargestellt, zündet angeblich gerne mal Hexen an und geht Protagonisten auf den Sack. Man gilt zudem bei vielen nichtmal als würdiges Heldenmaterial. Kurz: Der Praiosgeweihte, das unverstandene Wesen.

Ein Schlüsselelement ist die angenommene Unfehlbarkeit. Praioten sind nicht nur Vertreter von Recht und Gesetz, Praios macht auch keine Fehler, und damit irgendwie man selbst auch nicht. Daraus abgeleitet wird üblicherweise Kritikunfähigkeit und Arroganz.

Als irdisches Vergleichs- und Inspirationsobjekt wird dabei gerne die katholische Kirche heran gezogen und neben der Inquisition, die übrigens an und für sich eine feine Sache war, besonders die Unfehlbarkeit des Papstes. Grundsätzlich ja auch ein schönes Bild und sehr passend in einer Welt, in der das Götterwirken wirklich greifbar ist. Aber woher kommt diese Vorstellung eigentlich?

Dafür gilt es in die historische Trickkiste zu greifen, und zwar richtig tief, womit wir im Jahre 1075 landen, mitten rein in den Investiturstreit. Papst und Kaiser zicken sich so richtig gegenseitig an, und Gregor VII. haut unter anderem etwas auf den Tisch, was unter dem Namen „Dictatus Papae“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist, auch wenn dieses niedergeschriebene Diktat des Papstes vermutlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen ist. Ich hatte das Glück das Ding im „Geheimarchiv“ des Vatikans einsehen zu können, und für den einen oder anderen sei gesagt: Ja, es liegt nicht einfach reingeschoben im Register, sondern ist eingenäht. Zugegeben: Wirklich würdigen konnte ich es nicht, weil mir nach drei Tagen durch Rom latschen tierisch die Füße weh taten, aber ich weiß jetzt immerhin, wie Historikeraugen glänzen können, wenn sie sowas mal im Original sehen dürfen.

Wie auch immer, einfach mal die Übersetzung anschauen und den Geist wandern lassen. An dieser Stelle möchte ich mich schonmal bei Dr. Matthias Schrör von der Uni Düsseldorf bedanken, der mir die Übersetzung verfügbar gemacht hat:

Diktat des Papstes.

I. Dass die römische Kirche vom Herrn allein gegründet worden sei.

II. Dass allein der römische Bischof zu Recht als universal bezeichnet werde.

III. dass ausschließlich jener Bischöfe absetzen oder in den Schoß der Kirche wieder aufnehmen könne.

IV. Dass sein Legat allen Bischöfen auf einem Konzil übergeordnet sei, auch wenn er einen niedrigeren Weihegrad besitzt, und dass er gegen diese ein Absetzungsurteil fällen könne.

V. dass der Papst Abwesende ihres Amtes entheben könne.

VI. Dass wir mit von jenem Exkommunzierten unter anderem nicht in demselben Haus bleiben dürfen.

VII. Dass es jenem allein gestattet ist, entsprechend dem Erfordernis der Zeit neue Gesetze zu schaffen, neue Gemeinden zu bilden, aus einer Kanonie eine Abtei zu machen und umgekehrt sowie ein reiches Bistum zu teilen und arme zu vereinigen.

VIII. Dass er allein kaiserliche Insignien benutzen könne.

IX. Dass alle Fürsten allein des Papstes Füße küssen sollen.

X. Dass allein sein Name in den Kirchen verlesen werde.

XI. Dass dieser Name einzigartig ist in der Welt.

XII. Dass es jenem erlaubt sei, Kaiser abzusetzen.

XIII. Dass es jenem gestattet sei, bei zwingender Notwendigkeit Bischöfe von einem Sitz auf einen anderen zu versetzen.

XIV. Dass er jeden beliebigen Kleriker aus der ganen Kirche weihen könne.

XV. Dass ein von jenem Geweihter einer anderen Kirche zwar vorstehen, aber nicht dienen kann, und dass  er von keinem anderen Bischof einen höheren Weihegrad empfangen darf.

XVI. Dass keine Synode ohne seine Anweisung als allgemein bezeichnet werden darf.

XVII. Dass kein Rechtssatz und kein Buch ohne seine Autorität als kirchenrechtlich verbindlich gelten solle.

XVIII. Dass sein Urteil von niemandem widerrufen werden dürfe und er selbst die Urteile aller widerrufen könne.

XIX. Dass er selbst von niemandem gerichtet werden dürfe.

XX. Dass es niemand wage, jemanden zu verdammen, der an den apostolischen Stuhl appelliert.

XXI. Dass die größeren Rechtsfälle einer jeden Kirche an ihn übertragen werden müssen.

XXII. Dass die römische Kirche niemals geirrt hat und nach dem Zeugnis der Schrift auch fürderhin niemals irren wird.

XXIII. Dass der römische Bischof, falls er auf kanonische Weise in sein Amt eingesetzt wurde, durch die Verdienste des seligen Petrus unzweifelhaft heilig wird, nach dem Zeugnis des heiligen Bischofs Ennodius von Pavia, dem viele heilige Väter zustimmen, wie es in den Dekreten des seligen Papstes Symmachus überliefert ist.

XXIV. Dass es auf seinen Befehl und mit seiner Erlaubnis Untergebenen gestattet sei, Anklage zu erheben.

XXV. Dass er ohne synodale Zusammenkunft Bischöfe absetzen oder in den Schoß der Kirche wieder aufnehmen könne.

XXVI. Dass derjenige nicht für katholisch gehalten werde, der nicht mit der römischen Kirche übereinstimmt.

XXVII. Dass er Untergebene vom Treueid gegenüber Sündern lösen kann.

Quelle: Johannes Laudage und Matthias Schrör, Der Investiturstreit, Quellen und Materialien (Lateinisch – Deutsch), S. 101 ff.
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