Die Gnade des guten Spielers

Über den Wert eines schlechten Spielleiters habe ich bereits ein paar Worte verloren. Wenden wir uns dem guten Spieler zu. Wobei „gut“ die Sache nicht ganz trifft. Kreativ, vom Spiel begeistert und um keine noch so blöde Idee verlegen trifft es besser. Daher hier das Hohelied an den schrecklichen Sven, von dem ich schon seit Jahren nichts mehr gehört habe:

Es war auf einem der kleineren Cons, ich glaube auf der Cave Con in Aschaffenburg, noch zu Zeiten Werners, aber ich bin mir da nicht mehr ganz sicher. Man merkt, es ist schon etwas her. Als braver Shadowrunsupporter vom SAR-Team war ich mit dem Abenteuer „Stuffer Shock“ angetreten. Weil im Vorfeld schon abzusehen war, dass die Runde eher komischer Natur werden würde, habe ich mich für eine meiner damaligen Lieblingseröffnungen für diese Zwecke entschieden: Das Treffen mit dem unvermeidlichen Johnson sollte in der „Blue Lobster Bar“ statt finden. Und ja, es war ein billiger Abklatsch von der Blue Oyster Bar. Der Sekretär des Johnsons hatte sich nichts weiter dabei gedacht, da er nur eine Lokalität mit Separees brauchte und die Bar mit sehr verschwiegenen Separees warb. Worum es sich aber bei der Bar wirklich handelte, wurde ihm erst klar, als er davor stand.

Der schreckliche Sven hatte für diese Runde einen ganz besonderen Charakter am Start. Es war ein Rigger und Verkleidungskünstler, der nebenher noch als Telefonbelästiger seine Zeit verbrachte. Er hatte eigens zu diesem Zweck eine Liste der Leute erstellt, die er anrufen musste und erklärte freudestrahlend, dass sein Charakter ein Computerprogramm hätte, das die Leute für ihn anrufen und belästigen würde, wenn er mal keine Zeit hätte. Interessant wurde das Spiel jedoch aufgrund der Verkleidungen seines Charakters. Aus welchem Impuls auch immer, er verkleidete sich für das Treffen mit dem Johnson als Frau und nutzte dafür sogar eigene Bodysuits, die ihm die richtigen Proportionen für diesen Zweck gaben. So zog er zur Blue Lobster Bar. Hier ergaben sich jedoch zwei Hürden:

1. Es ist Mexiko-Abend. Und ohne Sombrero kommt man nicht rein.

2. Es sind keine Frauen erlaubt.

Als Frau verkleidet, dafür aber ohne Sombrero, schaffte er es also gleich beide Hürden zu kassieren, weswegen ihn die Türsteher nicht rein ließen. Die Versuche, durch das Toilettenfenster im Hinterhof zu klettern führten ihn dummerweise in die Damentoilette des Chinarestaurants direkt neben der Bar, was ihm die Schläge der Klofrau einbrachte.

Man kann sich denken, dass es ein ziemliches hin und her gab, bis er beim recht angepissten Johnson gelandet ist. Der Job selbst drehte sich wie nachzulesen um ein Schiff im Seattler Hafen, und der schreckliche Sven packte nun seine zweite, brilliante Bombe der psychologischen Kriegsführung aus, das Affenkostüm. Mit der Erklärung „Niemand schießt auf den Affen!“ lief er von nun an als Gorilla durch Seattle. Um dies zu verdeutlichen hielt er die Hände vor den Mund, wenn er sich ingame mit den anderen Runnern unterhielt.

Nun kam es, wie es kommen musste. Er startete eine seiner selbst entwickelten Mini-Golfball-Rotorflugdrohnen und wollte sich das Schiff genauer anschauen. Da diese Dinger winzig waren, konnte man sie zwar nachts kaum entdecken, andererseits entschied ich, alleine schon des Chaosfaktors wegen, dass sie auch sehr windanfällig sind. Das Ding wurde daher abgetrieben und blieb an etwas hängen. Als er seiner Drohne folgte, musste er feststellen, dass sich der kleine Rotor in der UCAS-Flagge vor der Hafenmeisterei verfangen hatte. Und was tut ein Runner von Welt da? Ganz genau, er klettert im Affenkostüm auf den Fahnenmast der Hafenmeisterei von Seattle und lässt sich vom Wachdienstfuzzi im Rentenalter mit einem Taser wieder runter schießen.

Aber warum erzähl ich das alles? Nicht unbedingt (nur), um an die gute alte Zeit zu erinnern, sondern, um auf die Konsequenzen dieses für mich mehr als vergnüglichen Spielenachmittags zu verweisen. Zu diesem Zeitpunkt gab es nämlich noch keine Möglichkeit Verkleidungen oder Gesichtsmasken Marke „Mission Impossible“ bei Shadowrun zu verwenden. Es gab schlichtweg kein Regelgerüst dafür. Und als mir Christian Lonsing, damaliger SR-Chefredakteur, antrug, für die deutsche Erweiterung des SOTA 2063 acht Seiten mit Text zu füllen nach dem Motto „mach einfach“, war die Zeit der Gummimasken gekommen. Dank dem schrecklichen Sven und seinem Gorilla auf dem Fahnenmast entstanden die ersten Regeln für kosmetische Maskierungen, Bodysuits zur Anpassung der Körperform etc.

Von daher an dieser Stelle nochmal meine Verbeugung vor dem schrecklichen Sven und seinen kruden Ideen. Falls jemand hier noch Kontakt zu ihm haben sollte: Bestellt mal liebe Grüße vom Eismann!

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4 Antworten zu Die Gnade des guten Spielers

  1. Karel, letzter Käpt'n der königlich-böhmischen Gebirgsmarine schreibt:

    Klingt wirklich sehr witzig. – Betreffender „Der Schreckliche Sven“ ist doch auch für ein paar Shadowtalkkommentare im „Arsenal 2060“ und im „Mensch & Maschine“ verantwortlich, oder? – Ich meine mich zu erinnern, dass der dort als Shadowtalker ein paar – mehr oder minder – passende Bemerkungen beisteuerte. – Und zumindest einer davon veranlasste damals Eismann oder Bismark zu der Replik: „Schrecklicher Sven – Du bist vor allem eins: Schrecklich dämlich“.

  2. einen lieben gruss zurück. 🙂

    es waren grossartige zeiten, auf die ich mit grosser wehmut zurückblicke. es wird zeit, wieder einmal eine veranstaltung zu besuchen.

    sven

  3. Jan schreibt:

    Sehr geile Idee. Spieler kommen doch immer wieder auf den größten Mist. Solange es die Runde nicht torpediert, ist es das Beste, was einem passieren kann und kann einem zu allem möglichen inspirieren.

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