Die Gnade des schlechten Spielleiters

Spielrunden sind wie Sex. Sind sie gut, dann sind sie wirklich gut. Und sind sie schlecht, sind sie besser als gar nichts.

Zu einem guten Teil steht und fällt der Erfolg der Spielrunde, zumindest im nennen wir es mal klassischen Rollenspiel, mit dem Spielleiter. Aber selbst wenn man eine totale Niete am Tisch sitzen hat, kann so eine Runde interessant sein. Nicht nur, weil manche Spieler sich aus Frust einen Spaß daraus machen dem Spielleiter auf den Zeiger zu gehen, sondern auch, weil man beobachten kann, was man NICHT will. Die Erkenntnis, was einem am Spieltisch zu wider ist, kann durchaus hilfreich sein, um seinen eigenen Stil als Spielleiter zu verbessern. Man muss nur den Schritt von „Boah, was ist das denn jetzt schon wieder für ein Mumpitz!“ zu „Boah, was ist das denn schon wieder für ein Mumpitz! Dieser und jener Punkt gehen so gar nicht!“ oder sogar gleich weiter zu „Es wäre so viel cooler, wenn man er folgendes machen würde:“ wagen. Ganz davon abgesehen hat man in schlechten Runden meist Zeit. Die kann man mit Lesen oder Schlafen verbringen, aber auch mit der Beobachtung aus der Metaebene heraus. Wenn Runden gut laufen bin zumindest ich für gewöhnlich zu beschäftigt, um mir mehr als die üblichen Gedanken über die ablaufende Struktur zu machen.

Besonders bei Kaufabenteuern ist ein schlechter Spielleiter da von Vorteil. Während gute Spielleiter ein mittelmäßiges Abenteuer noch so aufgepeppelt bekommen, dass man seine Schwächen nicht wirklich merkt, ist so eine Runde mit einem schlechten Spielleiter wie eine Fahrt mit dem Ferrari über eine Brandenburger Schlaglochallee. Man spürt wirklich jede Delle.  So kann man schnell die NoNos lernen. Mir persönlich gehen dämliche NSCs, unsichtbare Wände, Videosequenzen, nur auf Duellwürfeln basierende Kämpfe und das Nebelstochern nach dem Plot tierisch auf den Senkel, und aus diesen NoNos kann man ableiten, wie man es besser machen kann. Außerdem wird durch einen offensichtlichen Mangel auch der Wunsch nach etwas anderem geweckt. So entstanden die meisten meiner DSA-Abenteuer aus einem Wunsch heraus. Ich habe die Abenteuer geleitet, die ich gerne mal gespielt hätte, ob nun eine epische Schlacht, in denen die Charaktere die Hauptprotagonisten sind, oder eine Detektivgeschichte, in denen sich die Schurken einfach ergeben, statt im letzten Moment den Shruuf aus der Tasche zu ziehen und die auch mal mit ihrer Nummer durchkommen können, wenn sich die Charaktere zu doof anstellen.

Von daher: Manchmal kann auch das Leid hilfreich sein.

Ach ja: Ja, man kann sich fragen „Warum zur Hölle spielst du mit solchen Spackos?!?“, aber erstens greift hier die Einstiegsaussage und zweitens gibt es immer gute oder weniger gute Gründe, sich auch mal einen Abend so um die Ohren zu hauen, die nichts mit dem eigentlichen Spiel zu tun haben.

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5 Antworten zu Die Gnade des schlechten Spielleiters

  1. wormysqueue schreibt:

    Volle Zustimmung meinerseits, ich möchte den Artikel aber noch um einen Aspekt ergänzen: „Gute“ Spielleiter fallen nicht vom Himmel, sondern werden meistens erst im Lauf der Zeit (und vielen gemachten Fehlern) zu solchen. Wenn man sich also „schlechten“ Spielleitern verweigert, nimmt man ihnen die Chance besser zu werden (ich gehe dabei natürlich von der normalen Person aus, die nicht aus Absicht oder Persönlichkeitsdefiziten „schlecht“ leitet).

    Oder wie ich es kürzlich auf einem amerikanischen Board gelesen habe:

    „GMs are rare and beautiful creatures, and are to be encouraged.“

  2. TheClone schreibt:

    Jupp. Aber schlechte SLs können nur zu guten werden, wenn sie lernen wollen. Also ertrage ich schlechte SLs so lange mit möglichst viel Gleichmut, wie sie versuchen besser zu werden. Auch wenn es eher langsam ist. Aber wer keinen guten Rat annimmt oder Fehler wieder besseren Wissens macht, der muss auch mal damit leben, dass ich etwas aggressiv auf sein NSCs reagiere.

  3. Teilzeitheldin schreibt:

    Ich glaube, ich hätte nicht die Ausdauer, mich mit einem schlechten Spielleiter herumzuschlagen (wobei schlecht hier natürlich im Auge des Betrachters liegt). Das mache ich einen, zwei oder vielleicht drei Abende, dann habe ich aber auch keinen Bock mehr. Meine Zeit ist mir einfach heilig und wenn ich sie dann so „verschwende“ ärgere ich mich nachher nur umso mehr. Ausserdem versaue ich dann meine Mitspielern ebenso den Abend, denn meine Unzufriedenheit schlägt sich zwangsläufig auch auf mein Spielen nieder – das erspare ich den anderen lieber 🙂

  4. Joni schreibt:

    Wohlwissend, dass gut und schlecht vom Auge des Betrachters abhängen kann, glaube ich, das Problem ist, dass die meisten mMn schlechten SLs sich selbst für ziemlich toll halten, ergo auch sehr unrefklektiert über ihr eigenes Tun sind.

  5. Pingback: Die Gnade des guten Spielers | Das Eisparadies

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