Ein Königreich für ein Pony

Aramäisches KriegsponyUm meinem Bildungsauftrag im Themenfeld „Geschichte für Rollenspieler“ mal wieder nachzukommen, gibt es jetzt ein paar Worte zum Thema Pferde. Das Klischeebild eines Ritters (vielen Dank dafür mal wieder ans 19. Jahrhundert mit seiner Historienromantisierung) benötigt natürlich ein Pferd, und zwar einen ordentlichen Brocken von Kaltblüter, der den schwer gepanzerten Reiter mit Wucht in die Schlacht oder das Turnier trägt. Aber welche Sorten Pferde gab es in Wirklichkeit und wozu waren sie gut? Werfen wir mal einen fachlichen Blick auf diese Problematik:

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Das häufig genutzte Zitat „ros, schilt, sper, hûbe unde swert – diu machent quoten ritter wert1 deutet bereits das nächste wichtige Themenfeld an, das Pferd. Jede Gleve, also eine Einheit aus Ritter und Knappe, verfügt über zwei bis vier Pferde, und zwar zwingend über ein Streitroß (dextrarius), das für die Gegebenheiten während Gefecht und Turnier ausgewählt und ausgebildet wurde, und ein Marschpferd (palefridus), das für Reisen genutzt wurde, während das Streitroß bei Überlandreisen vom Knappen geführt wurde. Hinzu können noch ein Lastpferd (runcinus) zum Transport von Rüstung und anderem Material und gegebenenfalls ein Marschpferd für den Knappen kommen, was gerade bei größeren Reisestrecken sinnvoll erscheint.2 Diese Differenzierung von Pferden findet sich unter anderem in Albertus Magnus’ De animalibus, in der er die vier Arten der Pferde aufzählt. Als erste skizziert er die erwähnten dextrarii oder bellici, die Lärm und schnelle Bewegungen gewöhnt waren und darauf trainiert wurden auf Schenkeldruck und Pfiffe zu reagieren und mit Sprüngen, Tritten und Bissen am Kampfgeschehen teilzunehmen. Die hierzu ausgebildeten Hengste wurden nicht kastriert. Das gleiche galt für die nachfolgenden palefridi, damit sie nicht träge oder fett wurden. Zu guter Letzt nennt Albertus Magnus noch Rennpferde (curriles equi) und Lastpferde (runcinus). Als Futter empfiehlt er Hafer und Weizen und gegebenenfalls Dinkel, als zweite Wahl auch Gerste, während er von Roggen abrät, da dieser die Produktion von Verdauungsgasen fördert.3

Die Unterscheidung von dextrarius und palefridus ist hierbei nicht nur ein rein technischer, sondern auch ein rechtlicher, wie sich nach Rahewin beim ersten Italienzug Friedrich Barbarossas zeigt. Der Heeresordnung entsprechend machte es nämlich einen deutlichen Unterschied, ob ein fremder Ritter mit Schild und Lanze bewaffnet auf einem dextrarius im Lager erscheint oder unbewaffnet auf einem palefridus. In ersterem Falle wäre ein Angriff auf diesen straffrei, bei letzterem hingeben müsste der Angreifer mit ernsten Konsequenzen rechnen.4 (Querverweis) Diese Unterscheidung schlägt sich auch in der Hofdichtung nieder. So differenziert Hartmann von Aue in Erec zwischen dem ros als Streitross und dem pherit als Reitpferd.5

[…]

Zur archäologischen Seite der Fragestellung: Da Funde von gesamten Pferdeskeletten selten sind, ist hierzu eine statistische Herangehensweise sinnvoll, die eine Größenberechnung anhand einzelner Knochen ermöglicht. Knochengröße und –umfang variieren nach Rasse, Haltung und Funktion des Tieres, weswegen durch entsprechende Berechnungen nur ungefähre Größen ermittelt werden können. Die Schulterhöhe der meisten durch Knochenfunde nachgewiesenen Pferde liegt zwischen 130 bis 140 cm, also etwa im Bereich heutiger Islandpferde oder norwegischer Fjordpferde. Als Beispiel können Grabungen in London heran gezogen werden, bei denen die meisten Pferde im Größenbereich von 120 bis 150 cm variierten.6 Ein ähnliches Bild liefern Funde aus Haithabu und Umgebung ( = 132 cm)7, Gokstad ( = 138 cm), Lund ( = 139 cm), Ralswiek ( = 135 cm), Kruszwica ( = 134 cm), Gdańsk ( = 128 cm) und Talsy ( = 123 cm). Auch wenn gewisse Schwankungen in Größe und Breitwuchs sowohl archäozoologisch8 als auch in Quellen9 nachweisbar sind, lässt sich im Gegensatz zum arabischen Raum osteologisch keine Rassezucht im früh- und hochmittelalterlichen Europa erkennen.10

1 Fridankes Bescheidenheit, Heinrich Ernst Bezzenberger (hg.), 93, Vers 6 f.

2 Yvonne Leiverkus, Das äußere Erscheinungsbild des staufischen Ritters, in: Johannes Laudage und Yvonne Leiverkus (hg.), Rittertum und höfische Kultur der Stauferzeit, Köln 2006, S.196f.

3 Albertus Magnus, De animalibus libri XXVI, nach der Cölner Urschrift: Mit Unterstützung der Kgl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München, der Görres-Gesellschaft und der Rheinischen Gesellschaft für Wissenschaftliche Forschung, Band 16, S. 1378.

4 Rahewini Gesta Friderici I. imperatoris, in: Ottonis et Rahewini Gesta Friderici I. imperatoris (MGH SS rer. Germ. 46), Georg Waitz und Bernhard von Simson (hg.), Hannover und Leipzig 1912, S. 199.

5 Hartmann von Aue, Erec, Volker Mertens (hg.), Stuttgart, 2008, 3059-60.

6 John Clark, The medieval horse and its equipment – c 1150 – 1450, London, 1995, S 168.

7 Heidemarie Hüster, Untersuchungen an Skelettresten von Pferden aus Haithabu (Ausgrabung 1966-1969), Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu, Bericht 23, S. 27.

8 Norbert Benecke, Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung, Köln 2001, S. 204.

9 Albertus Magnus, De animalibus libri XXVI, nach der Cölner Urschrift: Mit Unterstützung der Kgl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München, der Görres-Gesellschaft und der Rheinischen Gesellschaft für Wissenschaftliche Forschung, Band 16, S. 1378f.

10 Norbert Benecke, Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung, Köln 2001, S. 308.

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Um also den ganzen Kram mal zusammen zu fassen: Mangels Züchtung waren die Reittiere eher von überschaubarer Größe, was übrigens auch für Schweine und Rinder dieser Zeit gilt, sie haben ihre Funktionen aber aufgrund entsprechender Ausbildung durchaus erfüllt. Wer sich für historische Tierhaltung weiterführend interessiert, sollte sich das zitierte Sachbuch von Norbert Benecke, „Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung“ besorgen. Es ist eine etwas populärwissenschaftlichere aber fachlich trotzdem sehr tiefschürfende Zusammenfassung einiger Fachbücher, auch für den Laien gut verständlich und, meiner Meinung nach zumindest, ausgesprochen interessant zu lesen.

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7 Antworten zu Ein Königreich für ein Pony

  1. Moin auch,

    sehr schöne Zusammenfassung zum Thema. Das heißt also in Zukunft: Nächste Rollenspielrunde bei vier Leuten mit 15-20 Pferden? Nice 😀

    Noch ein Tipp: Falls die Leute mal eine Vorstellung von einem echten, völlig entspannten Kriegsgaul haben wollen, sollten sie am Rosenmontagszug in Köln teilnehmen. Die dortig eingesetzten Brauereiklepper kommen mit dem Krach von ca. 2. Millionen Besoffenen zurecht – das entspricht ungefähr einer Schlacht mit 12.000-14.000 Beteiligten im ausgehenden 13. Jahrhundert.

    Hehehehe.

  2. ghoul schreibt:

    @Olwe: Brauereiklepper sind Kaltblüter, also grosse, schwere und behäbige Pferde. Die entsprechen zwar dem romantisch verklärten Ritterpferd, diesem Bild widersprechen aber die oben erwähnten archäologischen Funde sowie gewisse praktische Überlegungen: Könnte ein behäbiger Kaltblüter wirklich schlachttauglich sein?

  3. Meines Wissens nach (mal Scherz beiseite) mußten Schlachtrösser Kaltblüter sein; wenn man mit einem Schwert, einer Lanze o.Ä. auf Fett haut, dann läuft das Pferd weiter – schlägt man bei einem Vollblut auf die Muskeln (da kein Fett ;)), dann war es das. Der angsteinflößende Anblick einer „cavalry charge“ macht auch bei einem Haufen Araber nicht wirklich Sinn („oh, sind die hübsch!“) – aber wenn jeweils über eine halbe Tonne gerüstetes Fleisch mal hundert auf Dich zukommt, dann sieht das direkt ganz anders aus.

  4. TheClone schreibt:

    Wenn ich mich recht erinnere sagte meine reitende Freundin: Nein. Man kann ja, wie in so gut wie jedem Film auf Friesen zurückgreifen. Das sind Warmblüter, von der Größe her aber schwer Richtung Kaltblut unterwegs. Mein Ritter in der D&D 3-Kampagne hat jedenfalls schonmal zwei Pferde. Auf Knappe und Marschpferd wird verzichtet, weil sonst wieder über den mitgebrachten „Zoo“ gemeckert wird. Auch wenn es wohl recht unfair gegenüber dem Schlachtross ist, es dauernd in Rüstung und mit voll gerüstetem Reiter rumlaufen zu lassen (wovon ich aber erst wieder absehe, wenn der Krieg um ist).
    Schöner Artikel 🙂 Auch das Reiten eines Pferdes, das beim Zocken aus praktischen Gründen immer gerne wie Auto fahren behandelt wird/werden muss („Das kann jeder, auch ohne Ränge in der Fertigkeit) ist gar nicht mal so einfach. Als ungeübter Mensch kann man sich zwar auf nen Pferd drauf setzen, wenn ein Kundiger den Sattel aufgelegt hat, aber nach vorne bewegt sich das Pferd dann noch lange nicht. Da ist einiges an Arbeit nötig.

  5. Mir wurde gerade von einer Pferdenärrin gesagt, daß es a) Friesen noch nicht so lange gibt, und ich b) doch beim deutschen Pferdezüchterverband nachschauen solle, was überhaupt möglich sei. *g*

    Spannend ist das Thema aber auf jeden Fall!

  6. TheClone schreibt:

    a) kann ich bestätigen. Wobei es die schon früher einmal gab (Barockzeit dürfte es gewesen sein), aber sie zwischenzeitlich beinahe ausgestorben wären. Geschätzt Anfang/Mitte 20. Jahrhundert wurden sie wieder gezüchtet.

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