Reise, Reise: Von Spitzeln und Bischöfen

So, erstmal wieder weg vom Propagandakrieg:Momentan beschäftige ich mich ein wenig mit den Beilunker Reitern… nein, nicht den bösen Forenspitzeln, sondern der DSA-Ingame-Post. Ein nicht ganz einfaches Pflaster, aber ich denke ich habe da ein, zwei nette Ideen zu. Eine Kooperation mit der Aveskirche könnte ich mir gut vorstellen, um das Kommunikationsnetz trotz der auch strukturellen Verluste weiter aufrecht zu erhalten. Aber mal schauen, was mir da noch zu einfällt.

Damit es aber nicht zu gehaltlos wird, fasse ich mal grob das Boten- und Gesandtenwesen für das Hochmittelalter zusammen. Manchmal ist es schon praktisch, sich selbst zitieren zu können. Damit keine Verwirrung aufkommt, der Fokus liegt in diesem Falle auf den Funktionen für den königlichen Hof und die Menge der Boten, weniger auf die praktische Umsetzung. Punkte wie Unterbringung und Versorgung durch klösterliche Haltepunkte, Boten als Informations- und Kommunikationsträger, also das übliche, sind erstmal ausgeklammert, da in der Literatur ausgiebig vertreten. Die Fußnoten können bei Interesse sicherlich weiter helfen.

„Sowohl zum Informationsaustausch als auch für Verhandlungen und herrschaftliche Korrespondenz sind Gesandte von Nöten. Einen Einblick in das Gesandtenwesen, wenn auch für das 11. Jahrhundert, bietet die Eskalation des Investiturstreits zwischen Ende 1075 und Anfang 1077. In diesem Zeitrahmen sind die Reisebewegungen verschiedener Gesandtschaften von Papst Gregor VII., König Heinrich IV. und verschiedenen Bischöfen gut dokumentiert und verschiedentlich akribisch erforscht worden. So interessant der Inhalt dieser Aktivitäten für die Forschung sein mag, fokussiert sich unser Interesse mehr auf die Gesandtschaften. Gregor VII. schickte am 8. Dezember 1075 drei Gesandte zu Heinrich IV., die ihn am 1. Januar 1076 in Goslar erreichten. Nach Erhalt des Briefes und der mündlich vom Papst den Gesandten aufgetragenen Botschaft verschickte Heinrich IV. Einladungen an seine Bischöfe zu einer Synode, die am 24. Januar in Worms stattfinden sollte. Zwei Erzbischöfe und vierundzwanzig Bischöfe erschienen daraufhin rechtzeitig in Worms. Von der Synode in Worms aus wurden drei Botschaften verschickt, und zwar von Heinrich an den Papst, von Heinrich an die Römer und von den Bischöfen an den Papst. Als Gesandte wurden die Bischöfe Huzmann von Speyer, Burkhard von Basel und Graf Eberhard über die Alpen nach Piacenza geschickt. Dort sollte eine Synode stattfinden, die auch von Worms aus einberufen worden war. Diese Aktivitäten kulmulierten später im Gang nach Canossa, jedoch sind in unserem Falle eher der Umfang und die Aktivität der Gesandtschaften von Interesse. Mindestens zwei Dutzend Boten waren nötig, um die Einladungen an die Bischöfe zur Synode in Worms zu überbringen, die sowohl die Wege zu ihren Zielen kannten als auch wussten, wo sie auf der eiligen Reise Unterkunft, Verpflegung und frische Pferde vorfinden konnten. Die Gesandtschaften des Königs und des Papstes wiederum benötigten die unentbehrlichen Pferdeknechte, bewaffnete Begleiter, Bedienstete und soweit benötigt ortskundige Führer, alles in allem mindestens 6-15 Reiter pro Gesandtschaft.1

Ähnliche Beispiele finden sich natürlich auch in der Regierungszeit Friedrichs I., so schreibt der Magdeburger Annalist zum Jahresbeginn 1176, dass der Kaiser Briefe an alle Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte sowie Herzöge, Markgrafen und Grafen verschickte, damit diese ihm zu Hilfe kommen mögen,2 während der Ministeriale Anselm 1152 neben einem Privatbrief Abt Wibalds den neuen königlichen Siegelstempel, zwei Goldbullen und die Wahlanzeige Friedrich Barbarossas an den Papst vom Hof zum Sitz des Bamberger Bischofs Eberhard überstellte.3 Der Bischof von Straßburg wiederum verfügte über 24 eigene Gesandte aus städtischen Kaufmannsfamilien, die innerhalb des Bistums den Kontakt zwischen Bischof und seinen Lehnsleuten aufrecht erhalten sollten und verpflichtet waren dreimal jährlich eine entsprechende Gesandtschaft auf Kosten des Bischofs durchzuführen.4

Zur Kommunikation in vorindustrieller Zeit waren Boten und Gesandte also unverzichtbar. Jeder Briefkontakt, jede nicht am Ort des Geschehens ausgefertigte Urkunde und jedes herrschaftliche Wirken über Distanz hinweg benötigten sie, von allgemeinen Aufrufen zur Heeresfolge, Hoftagen und anderen überregionalen Angelegenheiten ganz zu schweigen, was sie auch für die nähere Betrachtung der Hofgröße relevant erscheinen lässt. Entsprechend war eine gewisse Menge an Boten nötig, die jederzeit an verschiedene Höfe geistlicher wie weltlicher Herrscher entsandt werden konnten oder von diesen entsandt am Hof auf Antwort warteten. Solche Dienste wurden entweder vom Hofklerus oder der königlichen Dienstmannschaft ausgeführt,5 nicht zuletzt auch, da die Bedeutung und Authentizität der Nachricht direkt mit Rang und Namen des Boten korrelierte.6 Da am Hof erscheinende Gesandtschaften, gerade wenn sie aus entfernten Regionen stammten, ihren Begleitzug nicht in heimatliche Gefilde zurück schicken konnten, um sie nach Abschluss ihrer Aufgabe wieder zum Hof zu beordern, sollte auch die sich hieraus generierende Zahl an Besuchern nicht außer Acht gelassen werden. Während einfache Boten und Bittsteller nur als Einzelpersonen oder Kleingruppen ins Gewicht fallen, ist zu erwarten, dass Würdenträger wie Bischöfe und päpstliche Legaten mit einem eigenen kleinen Hofstaat anreisten.“

 1 Reinhard Elze, Leistungsfähigkeit von Gesandtschaften und Boten im 11. Jahrhundert, in: Histoire comparée de l’administration, (IV. – XVIII. siècles); actes du XIV. Colloque Historique Franco-Allemand Tours, 27 mars – 1. avril 1977, Werner Paravicini / Ferdinand Werner, München 1980, S. 7.

2 Annales Magdeburgensis a. 1-1188. 1453-1460, in: MGH SS 16, Georg Heinrich Pertz (hg.), S. 193: Imperator misit epistolas per omnes partes regni Teutonici, archiepiscopis, episcopis, et abbatibus, ducibus, marchionibus, comitibus, imperiali auctoritate mandans eos venire sibi in adiutorium.

3 Jan Ulrich Keupp, Dienst und Verdienst. Die Ministerialen Friedrich Barbarossas und Heinrichs VI., Stuttgart 2002, S. 363.

4 Urkunden und Akten der Stadt Straßburg, Band 1, Wilhelm Wiegand (hg.), Nr. 616, S. 473.

5 Keupp, Dienst, S. 363.

6 Hartmut Hoffmann, Zur mittelalterlichen Brieftechnik, in: Konrad Repgen / Stephan Skalweit, Spiegel der Geschichte, Festgabe für Max Braubach zum 10. April 1964, S. 145.

 An dieser Stelle sei jedem Interessierten Jan Ulrich Keupps Werk „Dienst und Verdienst“ ans Herz gelegt. Es ist quellennah, gut durchdacht, informativ und wunderbar zu lesen.

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