Feldlagerregeln (Teil 2): Mitten drin statt nur dabei

Nachdem wir nun ein wenig Zeit hatten die Quelle etwas sacken zu lassen, gehen wir nun mal mit der Brechstange ran und schauen, was wir so, auch für Rollenspieler (wie immer mit einem leichten Fokus auf DSA) so drin finden können:

31. Während sich der Kaiser im Lager aufhielt und auf die aus den verschiedenen Städten Italiens heranziehenden Truppen wartete, entschloß er sich in völlig angemessener und frommer Weise, sich vor den Angelegenheiten des Krieges denen des Friedens zu widmen. Er berief also eine Fürstenversammlung und erließ folgende Friedensgesetze, die im Heer befolgt werden sollten:

Erstmal zum Hintergrund: Friedrich Barbarossas Italienpolitik ist so ein Ding für sich. Im Endeffekt geht er davon aus, dass er als Kaiser die Nachfolge des römischen Kaiserreichs antritt und damit auch alle rechtlichen Elemente übernimmt. Das bedeutet unter anderem auch, dass er alle Regalien, also Güter, Zölle, Steuern und anderen Einnahmen, übernimmt, die in der guten alten Zeit dem römischen Kaiser gehört haben. Blöd, dass die italienischen Städte, allen voran Mailand, sich die schon vor Jahrhunderten unter den Nagel gerissen haben und mittlerweile keinen römischen Zentralstaat mehr betreiben, sondern autonome Stadtregierungen etabliert haben. Dass da ein nordalpiner Barbar auftaucht und seine Jungs als Regionalherrscher einsetzen will, fanden entsprechend die meisten gar nicht komisch. Entsprechend ist Friedrichs Heerlager bunt gemischt. Hauptsächlich besteht es aus nordalpinen Truppen unterschiedlichster Herkunft, aber auch aus Verbündeten kleinerer italienischer Städte, die jetzt ihre Chance sehen in Norditalien mit einem großen Bruder ihre Stellung zu festigen, und Söldner wie Brabanzonen, auch wenn die so ziemlich keiner mag. Das Feldlager ist entsprechend ein buntes Durcheinander. Das ist natürlich eine hoch unwissenschaftliche Zusammenfassung, die lieben Kollegen mögen es mir verzeihen.

Wir ordnen an und wollen streng beachtet wissen, daß kein Ritter und kein Knecht einen Streit zu erregen wage. Wenn einer mit einem anderen in Streit gerät, darf keiner von beiden die Lagerparole schreien, damit seine Kameraden nicht zum Kampf aufgerufen werden. Ist aber ein Streit ausgebrochen, darf niemand mit Waffen, nämlich Schwert, Spieß oder Pfeilen herbei eilen; sondern ausgerüstet mit Panzer, Schild und Helm, bringe er zu dem Streit nur einen Knüppel mit, um den Streit zu schlichten. Niemand darf die Lagerparole rufen, außer wenn er sein Quartier sucht. Hat aber ein Ritter durch das Rufen der Parole einen Streit erregt, soll ihm seine ganze Rüstung weggenommen und er aus dem Heer ausgestoßen werden. Wenn es ein Knecht getan hat, soll er geschoren, gegeißelt und am Kinnbacken gebrandmarkt werden, oder sein Herr soll ihn loskaufen mit seiner ganzen Rüstung.

Die Funktion der Lagerparole und auch die Organisationsstruktur solcher Lager wird hier recht deutlich. Verschiedene Gruppen bilden Zeltgenossenschaften, also Unterlager, die organisatorisch halbwegs autonom sind und meist aus der gleichen Region kommen. Durch die Größe des Lagers sind natürlich auch Unterlager von Gruppen vor Ort, die sich aufgrund politischer oder familiärer Spannungen untereinander nicht ausstehen können. Konflikte lassen sich da nur schwer vermeiden. Die Lagerparole wiederum ist ein Identifikationsmerkmal und ein Alarmruf. Wird sie gerufen, ist Gefahr im Verzug und jeder im Unterlager ist dazu verpflichtet zu den Waffen zu greifen und zum Ort des Geschehens zu eilen. Auf den Abschnitt mit dem Waffenverbot bei Schlägereien geh ich nicht übermäßig ein und verweise einfach mal auf moderne Polizeiausrüstung. Wobei das Bild schon interessant ist, wenn ein Trupp vollgerüsteter Ministerialer mit Schilden und Knüppeln in eine Schlägerei reinprügeln. Da möchte man nicht mittendrin sein.

Kombinieren wir den Abschnitt mal mit einem anderen:

Wenn ein fremder Ritter friedlich ins Lager kommt, ohne Schild und Waffen auf seinem Pferd (palefridus) sitzend, soll jemand, der ihn verletzt, als Friedensbrecher gelten. Kommt er aber zum Lager, auf einem Streitroß (dextrarius) sitzend mit dem Schild am Halse, der Lanze in der Hand, dann hat einer, der ihn verletzt, den Frieden nicht gebrochen.

Dies ist eine Regelung, die nicht nur formellen Charakter besitzt. Zumindest in Wolfram von Eschenbachs Parzival wird das Erscheinen eines fremden Ritters zu Pferd in voller Rüstung und mit gehobener Lanze vor dem Zeltlager zum Anlass genommen das gesamte Lager in Alarmbereitschaft zu versetzen, indem die Lagerparole gerufen wird. Ein solches Erscheinen, also komplett gerüstet und auf dem Streitroß, stellt eine Herausforderung dar, auf die man eingehen darf und eigentlich auch muss. Entsprechend wird das Lager durch die Parole alamiert und zum Ort des Geschehens gerufen. Interessant ist die Unterscheidung zwischen palefridus und dextrarius. Ich werd in den nächsten Tagen mal was zur hochmittelalterlichen Pferdehaltung schreiben, so lange stelle ich den Punkt zurück.

Einen ähnlichen symbolischen Akt der Aggression stellt zudem die Beschädigung der Zeltabspannungen dar. Es ist ein Affront gegenüber dem Herrn des Lagers darstellt, ein Bild, das sich in Eschenbachs Parzival wiederholt findet. Die Abspannung kann als symbolhaftes, fragiles Ausgreifen der Macht und Ehre des Zeltinhabers auf sein Umfeld interpretiert werden. Das Zertreten der Abspannung ist daher eine offene Missachtung dieser Macht. Streitigkeiten wegen solcher auf den ersten Blick unbedeutenden Lapalien sind im Zeltlager des Hofes entsprechend schnell entfacht.

Kommen wir aber zur Konfliktbewältigung:

Wer jemanden verwundet hat und es abstreitet, dem soll, wenn der Verwundete durch zwei glaubwürdige, mit ihm nicht blutsverwandte Zeugen jenen überführen kann, die Hand abgehauen werden. Wenn aber Zeugen fehlen und der Täter sich durch einen Eid reinigen will, kann der Kläger, wenn er will, den Eid ablehnen und jenen zum Zweikampf herausfordern.

Wenn jemand einen Totschlag begangen hat und von einem Verwandten des Erschlagenen oder einem Kameraden durch zwei glaubwürdige, nicht mit dem Erschlagenen blutsverwandte Zeugen überführt wird, soll er mit dem Tode bestraft werden. Wenn aber Zeugen fehlen und der Mörder sich durch einen Eid reinigen will, kann ein Freund oder Verwandter des Erschlagenen ihn zum Zweikampf fordern.

Wenn ein Ritter einen Ritter beschimpft, kann er das durch einen Eid ableugnen; bestreitet er es jedoch nicht, soll er ihm 10 Pfund der Münze zahlen, die zur Zeit im Heere gilt.

Damit sind die häufigsten Fälle aufgezählt. Die Regelungen sind dabei einfach: Für Totschlag und Körperverletzung sind spiegelnde Körperstrafen angesagt (Exekution bzw. Amputation der Hand), und wer sich via Eid heraus lavieren will, sollte sich immer im Klaren darüber sein, dass das trotzdem gewaltig in die Binsen gehen kann, denn dann kann er immernoch einen Zweikampf am Hals haben. Wobei man auch erstmal jemanden finden muss, der bereit ist einen Eid auf die Unschuld des Betreffenden zu leisten. Leider sind die Quellen etwas dünn, um herauszuklamüsern, wie ernst sowas im Hochmittelalter genommen wurde.

Aber wer muss das überhaupt alles durchsetzen? Schauen wir uns das folgende mal an:

Wer eine Vorratsgrube findet, darf sich ihrer ungehindert bedienen. Wenn sie ihm weggenommen wird, soll er nicht Böses mit Bösem vergelten und das ihm angetane Unrecht nicht rächen, sondern es dem Marschall klagen, um sein Recht zu erhalten.

Wenn aber ein deutscher Kaufmann in eine Stadt kommt und Waren kauft, sie dann zum Heere bringt und im Heer teurer verkauft, soll ihm der Kämmerer seine ganze Ware wegnehmen, ihn geißeln, scheren und am Kinnbacken brandmarken lassen.

Wenn eine Burg erobert worden ist, dürfen die darin befindlichen Güter geraubt werden, sie selbst aber soll nicht in Brand gesteckt werden, wenn es der Marschall nicht etwa selber tut.

Tja, wer nun? Marschall oder Kämmerer? Richtig ist der Marschall. Er war neben der Versorgung der Pferde für die Quartiernahme und die Organisation des Hofes genauso zuständig wie für die Vorbereitung der Wege und Brücken und die Jurisdiktionsgewalt innerhalb des Lagers. Zudem musste er die Marschformation und die Positionierung der Schlachtreihen im Heer koordinieren und nach Gefechten die korrekte Aufteilung von Beutestücken und Pferden überwachen. Der Kämmerer wiederum ist quellentechnisch ein etwas schwierigerer Zeitgenosse. Sein ursprüngliche Aufgabenfelder war die Sorge um die Schlaf- und Schatzkammer seines Herren. In wie weit dieser Dienst die Überwachung der Einnahmen durch Regalien und andere Quellen umfasste, lässt sich anhand der Quellen nicht nachvollziehen. Andererseits werden auch diese Aufgaben ausgeführt worden sein, nicht zuletzt, da die Gier nach Gold beim königlichen Fiskus bereits unter Zeitgenossen für Unmut sorgte. Aufgrund seiner vermuteten Stellung als Finanzverwalter des Königs landen entsprechend auch Vermögenskonfizierungen und Wucher in seinem Aufgabenbereich.

Was sagt uns das nun als Rollenspieler? Die dargestellten Regeln und Hintergründe bieten nicht nur einen kleinen Einblick in das Rechtsdenken des 12. Jahrhunderts, sie bieten auch Futter für den Rollenspieler, der sich in so manchem Historiker tief im Inneren versteckt. Ein Heerlager ist keine amorphe Masse, in der sich keiner für den anderen interessiert und alle dem Kerl mit der größten Mütze hinterher laufen. Herkunft und Rang sind wichtig, und mindestens genauso die Frage, mit wem man angereist ist. Dazu kommt das Lokalkolorit: Jemand findet sein verschütt gegangenes Pferd wieder und schmeißt das Zeug runter, was jemand anderes auf das Tier gepackt hat. Es kommt zur Schlägerei, weil jemand im besoffenen Kopp über die Zeltabspannung eines anderen gestolpert ist. Die Kameraden der Charaktere ziehen in voller Montur los und knüppeln dazwischen. Einer Troßhure wird die Nase abgeschnitten, weil man sie in einem der Zelte erwischt hat. Es wird gesoffen, gefeiert und angegeben.

Aber jenseits der Deko ergibt sich jede Menge Platz für Handlung: Nehmen wir den Klassiker an: Die Charaktere sind mit einem Adeligen und seinem Gefolge angereist. Der wird umgebracht, und ein Verdächtiger steht fest. Aber… Beweise interessieren keine Sau. Wenn es keine Zeugen gibt, dann kann sich der Beschuldigte per Eidleistung seiner Begleiter aus der Situation heraus lavieren, egal wie sicher die Charaktere sind, dass er der Schuldige ist. Aber da gibt es ja noch den gerichtlichen Zweikampf, bei dem die Charaktere dann mal richtig zeigen können, was in ihnen steckt. Es stellt sich da nur die Frage, wie das politische Gefüge innerhalb des Lagers ausschaut. Ist der Täter vielleicht wichtig? Zieht eine der wichtigsten Zeltgenossenschaften ab, sollte er im Kampf verlieren? Ist damit möglicherweise der ganze Feldzug in Gefahr? Steht die Gerechtigkeit über dem Ziel des Feldzuges? Vielleicht setzen die Charaktere aber auch einen einzelnen potentiellen Zeugen unter Druck, aber statt klein beizugeben ruft er seine Lagerparole.

Interessant wäre es auch, wenn die Charaktere als Hiwis des Marschalls Organisationsaufgaben übernehmen müssen und so das ganze Lager mit all seinen Differenzen, Spannungen und Streitigkeiten kennen lernen können.

Das nur zum offensichtlichsten, ich denke dem einen oder anderen werden hier noch viele interessante Punkte einfallen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Das Schwarze Auge, Geschichte, Schreiben veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Feldlagerregeln (Teil 2): Mitten drin statt nur dabei

  1. tankred schreibt:

    Ersteinmal muss ich mich bedanken, dein Blog ist eine wahre Freude.

    Ich oute mich hiermit auch mal als Historiker….und verweise gerne auf Felix Fabri, der einen sehr „lebensnahen“ Bericht einer Pilger- und Seereise verfasst hat. Wer also ein paar Inspirationen braucht, sollte da mal rein schauen. Das wäre doch eine gute Fortsetzung für die „Lager“-Artikel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s