Rohaja auf Reisen

Walter Map (* um 1140;  † zwischen 1208 und 1210) legt dem französischen König folgende Unterscheidunge zwischen den unterschiedlichen Höfen in den Mund:

Wie der Reichtum der Könige verschieden ist, so lassen auch ihre Schätze sich nach bestimmten Gegenständen unterscheiden. In kostbaren Steinen, Löwen, Pferden und Elefanten bestehen die Reichtümer des Königs der Inder, ihres Goldes und ihrer Seidenstoffe rühmen sich der Kaiser von Byzanz und der König von Sizilien. Der römische Kaiser, den man den der Deutschen netnnt, hat waffengeübte Krieger und Streitrosse, nicht Gold, nicht Seide, nicht anderen Reichtum. Denn Karl der Große, als er jenes Land on den Sarazenen eroberte, gab ausser den Festungen und Castellen aus Liebe zu Christus alles den Erzbischöfen und Bischöfen, die er in den einzelnen Städten einsetzte. Dein Herr aber, der König von England, welchem Nichts abgeht, hat Menschen, Pferde, Gold, Seide, Edelsteine, Früchte und Wild und Alles. Wir in Frankreich haben nichts als Brot und Wein und Fröhlichkeit.

Walter Map, De nugis curialium, Montagque Rhodes James, Christopher N. L. Brooke und Roger A. B. Mynors (hg.), S. 450.

Natürlich ist der Kern der Aussage die Schmeichelei über den Reichtum des englischen Hofes, denn diese Zeilen schreibt Walter Map für den englichen König, aber viel interessanter sind die Zeilen über den römischen Kaiser. Da die Niederschrift von De nugis curialium in die letzten Jahre der Herrschaftszeit Friedrich Barbarossas fällt, liegt es nahe, dass der durchaus reiseerfahrene Walter Map den Hof Barbarossas in so kurzen Worten relativ treffend zusammen fasst. Aber woher kommen diese zum Klischee übersteigerten Unterschiede?

Drei zentrale Ursachen vermitteln Walter Map den Eindruck, dass der deutsche Hof kaum durch weltlichen Prunk, dafür aber durch militärische Stärke in Form von Panzerreitern auf sich aufmerksam macht.

Erstens ist das deutsche Königtum im Hochmittelalter ein Reisekönigtum. Das Hof ist abgesehen von längeren Aufenthalten im Winter beständig unterwegs. In der älteren Forschung wird gerne behauptet, dass das wirtschaftliche Grund habe. Der Hof grast in diesem Konzept das Reich nach und nach ab, da die Größe des Hofes eine dauerhafte Versorgung mit Gütern des täglichen Lebens an einem Ort erschwert. Außerdem hat der König Zugriff auf Eigen- und Reichsgut, das über das ganze Reich verstreut ist. Weiter entfernte Regionen würden so aber quasi gar nicht belastet, Regionen nahe der Residenz aber zu sehr. Das Reisekönigtum ist aber weniger eine wirtschaftliche Notwendigkeit, denn eine politische. Herrschaft wird in diesem Zeitraum personal ausgeübt, der Herrscher muss selbst bei Verhandlungen vor Ort sein, Recht sprechen und vermitteln. Daher wandert er als Kristallisationspunkt politischer Aktivität durch das Reich, um auch auf entferntere Regionen politischen Einfluss ausüben zu können.

Zweitens ist die Ministerialität am Hofe Barbarossas nach seiner nicht allzu erfolgreichen Italienpolitik im Aufwind. Die weltlichen und geistlichen Fürsten sind bei weitem nicht mehr so motiviert wie zur Anfangszeit der Herrschaft Barbarossas den Hof aufzusuchen, sondern beschäftigen sich mehr mit ihren eigenen Territorien. Diese Lücke am Hof füllt daher schnell die Ministerialität auf. Die Zeugenlisten der Diplome legen beredt Zeugnis ab darüber, wie stark die politische Präsenz der Ministerialen am Königshof angewachsen ist.

Drittens stellen Panzerreiter das State-of-the-art-Waffensystem des Hochmittelalters dar. Ihr Unterhalt ist nicht ganz billig und bewegt sich im Minimum zwischen drei und fünf Hufen pro Berittenem, also drei bis fünf Hofstellen inklusive Personal, die den Panzerreiter versorgen und ausstatten. Die Anwesenheit einer möglichst großen Zahl Panzerreiter ist somit ein Nachweis nicht nur von militärischer Potenz, sondern auch von politischer und wirtschaftlicher. Als Beispiel seien hier nur die Beschreibungen des Friedens von Venedig 1177 oder vom Pfingstfest 1184 in Mainz zu nennen. Alleine der Erzbischof von Köln reist mit mindestens 1200 gepanzerten Reitern an, zumindest wenn man einigen Quellen glauben mag, dich gefolgt von anderen Fürsten mit etwas geringeren, aber immer noch recht stattlichen Zahlen.

Diese drei Faktoren bilden zusammen mit dem Fehlen einer festen Residenz, die eine andere Darstellung herrschaftlichen Prunks erleichtern würde, die Ursache für Walter Maps Beobachtungen.

Um jetzt mal den Bogen für den interessierten Rollenspieler zu schlagen: Was sagt uns das für ein Reisekönigtum in Aventurien?

Erstens kann man sich überlegen, wie die vorgestellte Quelle wohl „aventurisiert“ aussehen würde. Welches Reich könnte da wohl als Ersatz für England, Frankreich oder Indien am besten passen?

Zweitens stellt sich die Frage, wie ein Reisekönigtum im Mittelreich, ob durch Rohaja oder einem anderen Herrscher, aussehen könnte und ob es überhaupt Sinn machen würde. Gibt es einen Zwang zur personalen Herrschaft im Mittelreich? Muss der Herrscher noch alles selbst vor Ort erledigen, oder reicht die oft als sehr viel stärker vertretene Schriftlichkeit zusammen mit einem Beamtentum aus, um die Herrschaft auch anders zu etablieren? Existiert die nötige Infrastruktur? Also gibt es Pfalzen und Reichsgutkomplexe oder Servitienpflicht in Städten und Klöstern des Reiches?

Oder kurz gesagt: Ist das Reisekönigtum nötig und wenn ja, ist es auch praktisch umsetzbar?

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4 Antworten zu Rohaja auf Reisen

  1. Philippe Mindach schreibt:

    „Gibt es einen Zwang zur personalen Herrschaft im Mittelreich?“
    Mit dem Jahr des Feuers und den nachfolgenden Ereignissen ist es zumindest nicht abwegig, wenn eine als „Heldenkaiserin“ apostrophierte Herrscherin von Brennpunkt zu Brennpunkt reist. Die zentralisierte Struktur des Mittelreiches liegt in Scherben. Dahinter steht eine bewusste Entscheidung, die ich nachvollziehen kann. Ein kurzfristiges Ende würde den Eindruck wecken man würde aventurisch wie irdisch einen schwächlichen Zickzackkurs fahren.

  2. Vibarts Voice schreibt:

    Macht das Reisekönigtum im Mittelreich historisch „SInn?“ Funktioniert ein früh- bis hochmittelalterliches Herrschaftssystem in einem eher spätmittelalterlich gefärbten Umfeld unter der Bedingung seiner realistisch-gechichtlichen Möglichkeit?

    Natürlich nicht, das ganze ist ein Fantasy-Konstrukt, das sich wie Aventurien insgesamt aus verschiedensten Klischees und „Settings“ speist und damit einen kanonischen Mix generiert, der Abenteuerkulissen bieten soll, aber letztendlich „in echt“ nicht funktionieren kann. Da verhält es sich ähnlich wie mit der Wasserversorgung von Gareth oder der Frage wieso Al’Anfa nicht endlich mal seine Flotte auf Schivonen umstellt – es macht historisch keinen Sinn.

    Die spannende, meist strittige Frage ist, ob es diesen Realismus überhaupt braucht. Ich persönlich störe mich in dieser Hinsicht an ziemlich wenig, und wenn man eine Fantasywelt hat, in der Wikinger und Barockmusketiere Krieg gegeneinander führen, dann mag ich Aventurien nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Wer mehr Wert auf eine korrekt simulierte Welt unter allen physikalischen, wirtschaftlichen, militärischen und sozialen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts legt, wird allerdings mit Rohajas Reisekönigtum nicht glücklich werden. Und der Wasserversorgung von Gareth, der Größe der Wüste Kohm, damit, dass die Horasier noch nicht in Festum einmarschiert sind, und, und, und…

    Ich fände es aber auf der anderen Seite auch überhaupt nicht schlimm, wenn sich Rohaja demnächst dazu entschlösse, die Annehmlichkeiten einer festen Residenz in Kauf zu nehmen, und die herumreisende Kaiserin eine kurze Episode der mittelreichischen Herrschaftsgeschichte bleibt.

  3. Ehny schreibt:

    Zur Warnung, weil ich mir nicht sicher bin, ob und wie ich hier Spoiler kennzeichnen kann: Spoiler Rückkehr des Kaisers!

    Ich hatte in dem Reisekaisertum eigentlich immer einen Ausdruck des Fluchs gesehen, den Asmodeus von Andergast bei der Belagerung von Rommilys auf sie geworfen hat. Den genauen Wortlaut kenne ich nicht mehr, aber das war etwas von ruhelos, keine Familie etc.pp. (passend zu einem Lolgramothpaktierer halt). Sprich: es ist nicht die Frage, ob Rohaja ein Reisekaisertum möchte und ob das für das Reich wirklich sinnvoll ist, sondern viel mehr, ob sie eine andere Wahl hat…und wenn sie keine Wahl hat, ob es dann ein Plot werden wird sie von diesem Fluch zu befreien (klingt nach Heldenarbeit 😉 )

  4. eismann2060 schreibt:

    Die Fluchableitung klingt ganz interessant. Wobei ich mir die Frage stelle, ob das kaiserlich kontrollierte Mittelreich überhaupt groß genug ist, um da ernsthaft drin herum reisen zu können.
    Eigentlich müsste man dann im Aventurischen Boten regelmäßig das aktuelle Itinerar und die Daten der Hoftage veröffentlichen. Was ich als Fan des Reisekönigtums natürlich irgendwo ganz lustig fänd.

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