Knietief waten: Nachtrag

Es gibt eine einfache Regel für den Umgang mit Kritik: Man sollte nicht auf die Leute hören, es schadet aber nicht ihnen zuzuhören.

Das ist ein wichtiger Punkt gerade für Neuautoren. Man schreibt ein Abenteuer oder einen größeren Textschnipsel und ist da erst einmal echt stolz drauf. Das erste Mal den eigenen Namen in einem Impressum zu lesen ist cool (und vorne auf dem Buch, das kann ich aus Erfahrung sagen, ist noch viel cooler). Aber nur weil man seinen Text selbst natürlich für das Geschenk der Kreativität an die Menschheit hält, heißt das noch lange nicht, dass das die Menschheit auch so sieht.

Viele Autoren fangen klein an, vielleicht mit Kurzgeschichten oder Anekdoten oder anderen Kleinigkeiten. Ich für meinen Teil bin gleich mit dem Kopf durch die Wand und hab in der 11. Klasse einen Krimi geschrieben, einfach um zu sehen, ob ich es kann. In diesem privaten Rahmen kann man davon ausgehen, dass man erstmal Lob kassiert. Eltern, Freunde und sogar Lehrer werden sich erstmal freuen, wenn Sohnemann oder Tochterfrau mal was eigenes produziert hat, statt sich mit Dosenbier die Hirse weg zu saufen. Und das ist auch richtig so, denn wenn jemand sich privat kreativ betätigt, grade als Jugendlicher, erwartet auch niemand, dass gleich ein kleiner Mozart oder Picasso vom Himmel fällt.

Das sieht bei einer kommerziellen Publikation ganz anders aus. Abgesehen von den Jubel-Rezensionen, die alleine schon deshalb positiv ausfallen, weil der Rezensent das Buch für lau bekommen hat, ist es bereits ein gutes Zeichen, wenn gar keine Reaktion kommt. Wenn man ein Abenteuer geschrieben hat, kann man positives Feedback meist nur heraus kristallisieren, wenn man nach ein paar Monaten nach Spielberichten googelt. Außerdem ist es dann meist urkomisch, was manche Spielleiter mit einem Kaufabenteuer anstellen, um es zu „verbessern“. Das liegt nach meiner Beobachtung unter anderem daran, dass Lob als nutzlos, da nicht verbessernd, angesehen wird oder sogar als Schwäche, da man ja Geld ausgegeben hat und somit Perfektion in allen Belangen erwarten kann. Alles, was subjektiv unter dieser Stufe rangiert, fällt dann bereits wieder in den Fokus der Kritik.

Wenn man aber Pech hat, dann bekommt man erstmal eine ordentliche Tüte Shitstorm ab. Das ist normal und üblich, aber für einen Neueinsteiger ist es natürlich befremdlich und abschreckend. An dieser Stelle daher mein Rat: Um Gottes Willen sich und sein Produkt nicht verteidigen. Das macht die Sache nur schlimmer. Außer natürlich man steht auf Internetgezänk, was durchaus einen gewissen Unterhaltungswert hat. Aber in der Defensivstellung sind die Voraussetzungen nicht so gut. Es macht stattdessen Sinn sich den Kram mit einer Armlänge Abstand durchzulesen und die tatsächlichen, objektiven Kritikpunkte heraus zu puhlen, um sich dann zu überlegen, ob was dran ist und wenn, wie man es besser machen kann. Das bedarf natürlich eines gewissen Abstands, und das ist beim ersten Werk immer ziemlich schwierig. Wie mit dem ersten Auto und dem ersten Kuss ist es eben auch mit der ersten Veröffentlichung: Sie ist was besonderes.

Wenn man das Glück hat einen Veteranen in der Nähe zu haben, kann man die Sache auch mit ihm mal durchsprechen, das kann helfen. Wobei man die Chance auch schon im Vorfeld nutzen kann und ihm den Kram vorher schonmal zum Lesen gibt. Ein Lektor mit gutem Blick und Erfahrung ist Gold wert, auch wenn meist nur mit Nüssen bezahlt wird. Man sollte sich davon aber weder ins Boxhorn jagen lassen, noch sich dazu verführen lassen sich einzuigeln und davon auszugehen, dass die alle keine Ahnung haben und man sich mit externen Äußerungen gar nicht mehr beschäftigt.

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7 Antworten zu Knietief waten: Nachtrag

  1. Stefan schreibt:

    Ich muss sagen ich finde dieses ganze Internetdrama höchst amüsant.

  2. Als ich meine erste vernichtende Kritik erhalten habe, gab mir eine befreundete Schriftstellerin ein Spezi aus und erklärte mir, dass ich den Ritterschlag eines Autoren erhalten habe: Ein Leser hat sich so über meinenn Roman aufgeregt, dass er sich eine ganze Nacht um die Ohren geschlagen hat, um mich so zu ärgern wie ich ihn.
    Durchlavieren kann sich jeder. Eine Reaktion zu provozieren ist etwas schwieriger. Noch weniger einfach ist es aber, nach der Lektüre all der Kritiken das zweite Manuskript anzufangen und fertigzustellen. Da ist die Wand doch um einiges höher als beim ersten Anlauf.

  3. Pingback: The Last 5 Days oder „Das Fanrichtlinien-Buschfeuer“ « Der Zeilenschmied

  4. zeilenschmied schreibt:

    Auch dies ein schöner Beitrag. Kann dir da nur zustimmen. Zum Glück ist mein Abenteuer-Erstling ja jetzt auch schon etwas her, das erste mal „Name auf Cover“ steht jedoch unmittelbar bevor. Und natürlich ist man da ja sehr gespannt auf Kritik … aber eben auch empfindlich.

  5. TheClone schreibt:

    Schön, eine weitere Stimme im Kanon zu haben, die auch mal hinter die Kulissen blicken lässt (auch wenn sie schon zu übertriebenen Überschriften geneigt hat, hehe).

  6. eismann2060 schreibt:

    Die Überschriften sind ein Experiment. Ich will sehen, was so alles über Google-Suche bei mir landet. Das Highlight war „Porno im Freien“, aber ich hoffe das noch mit im Text eingegossenen Schlüsselwörtern ausbauen zu können.

    • TheClone schreibt:

      Da wir uns dafür die Überschriften zu Gemüte führen dürfen, entlohnst Du uns sicher mit einer Auflistung der besten Suchworte, Herr Bananendiktator.

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