Knietief waten durch PR

So, es wird mal wieder Zeit mich unbeliebt zu machen. Ich habe ein paar Jahre lang die Vertretung von SR in Foren etc. und via SAR-Team auf Cons geleitet, und der eine oder andere Gedankengang rund ums Thema Fanbetreuung ist dem dann doch irgendwann entsprungen. Daher beobachte ich natürlich auch die Empörung über die Blogeinträge von Ulisses in den letzten Tagen mit Interesse.

Um die Zielscheibe schonmal aufzuhängen: Ich kann die Position von Ulisses gut nachvollziehen. Urheberrechte sind in Deutschland ein heißes Thema, und da Ulisses nun die gesamten Rechte an DSA hält, kann ich sehr gut verstehen, dass sie sich bei so einem hochwertigen Erwerb nach allen Richtungen absichern wollen und müssen. Das dabei nötige juristische Vorgehen hat dann natürlich wenig mit dem Rahmen üblicher sozialer Kommunikation zu tun. Ich habe zudem einen leisen Verdacht, dass einige Fanpublikationen der letzten Zeit, die ich hübsch mit Layout und Illus versehen und gebunden zufällig bei einem Drucker gesehen habe, mit zu dieser Problematik beigetragen haben, wenn auch nicht mit dieser Absicht.Wenn man die Rechte an einem Produkt hält und ein Buch in der Hand hat, das genauso gut wie die eigenen Produkte aussieht, dann wäre es ziemlich nachlässig sich nicht zu überlegen, wie man in Zukunft mit so etwas verfahren will.

Natürlich erzeugt sowas Bestandsängste: Gerade die sehr aktiven Fans, die selbst Abenteuer geschrieben haben oder sogar solche Strukturen wie die Derischen Sphären, die Wiki-Aventurica oder das Dere-Globus-Projekt mit viel Mühe und Arbeit auf die Beine gestellt haben, fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Jenseits der zwangsläufigen juristischen Strenge erwarte ich persönlich aber, dass es durchaus Verhandlungsspielraum gibt, den sollte man sich nur nicht mit vorschnellem Anzünden der Barrikaden verbauen. Der Rat vom alten Mann vom Berg daher: Wer so ein Projekt laufen hat, sollte versuchen in einem produktiven und freundlichen Rahmen mal mit dem Verlag darüber zu sprechen. Auf beiden Seiten stehen nur Menschen, da muss man nicht mit dem Rammbock ran.

Nun zum Thema „Tacheles“. Im Ulisses-Blog wurde folgendes geschrieben:

Darum haben wir die E-Mail-Adresse Feedback@ulisses-spiele.de eingerichtet. Alle Mails, die an diese E-Mail-Adresse geschickt werden und sich an die Grundlagen zivilisierter Kommunikation halten, werden beantwortet werden. Hier können Fragen gestellt, hier kann konstruktive Kritik geäußert werden und natürlich freuen wir uns auch über Lob und Vorschläge. […]

Auf unsachliche oder in unangemessener Form vorgebrachte Kritik gehen wir nicht ein. Wir sind immer offen für den konstruktiven Dialog (siehe oben), aber Schlammschlachten und Flamewars sind nicht Teil unserer Firmenphilosophie. Wir konzentrieren unsere Energien lieber auf die Fertigstellung unserer Produkte.

Das halte ich für eine große Aufgabe. Dauerhaft und quasi mit Antwortgarantie Feedback zu bearbeiten ist ziemlich aufwendig, zumindest wenn diese Option auch entsprechend genutzt wird. Denn wenn, ob aus technischen Gründen, weil der Verantwortliche im Urlaub oder krank ist oder die Arbeit einem über den Kopf wächst, nicht mehr alle Mails beantwortet werden können, dann hat man ein Problem, denn alle nicht beantworteten Mails basieren ja nach dieser Richtlinie nicht auf den Grundlagen zivilisierter Kommunikation. So ist Ärger vorprogrammiert. Ganz davon abgesehen war es zu erwarten, dass so eine Formulierung natürlich auf massiven Widerstand stößt.

Kritik ist, grade in Deutschland, nämlich eine heilige Kuh. Kritik ist immer richtig und berechtigt, und der Kritiker darf sich jeder Form an Formulierungen, selbst persönlicher Anfeindungen, bedienen, denn sein Zorn ist gerecht, der Kritisierte hat das aber alles zu schlucken und muss auch noch bestätigen, dass das alles absolut richtig ist und man sich drum kümmern wird. Alles andere löst standarisierte Reaktionsreflexe aus: Der Kritisierte ist wahlweise arrogant, dumm, nicht kritikfähig oder aber sollte sich überlegen, dass er doch was verkaufen will, der Kritisierende sei schließlich Kunde, und der habe mit dem Kauf auch das Recht an der Kritik in jeglicher Form erworben.

Man kann natürlich behaupten, das sei doch etwas übertrieben, aber ich bin in meiner Laufbahn wiederholt persönlich beleidigt worden, mir wurde mit Prügel, der Polizei und dem Anwalt gedroht und die verschiedensten Persönlichkeitsstörungen ferndiagnostiziert. Keine Sorge, das soll jetzt kein Geweine werden, ich nehm das locker, aber man sollte sich auch klar sein: Es gibt jede Menge fanatischer Fans (ha, eine Tautologie) im Rollenspielbereich, was ich sehr schätze. Hier kann sich viel Energie entwickeln, die beispielsweise in faszinierender Fanarbeit münden kann. Es gibt aber auch jede Menge, ich sage mal, seltsamer Leute im Rollenspielbereich (oder will mir da wer widersprechen, der schonmal auf einer Con war?) und es gibt eine kleine Schnittmenge aus seltsamen Fanatikern. Und so wie es Kriege im Schrebergarten oder Wohnanlagen gibt, die Gerichte bis zur Hutkrempe mit Klagen abfüllen, so gibt es auch in unserer Szene den gerechten Zorn, der sich an dem dankbaren Objekt der distanzierten Obrigkeit, in dem Falle Ulisses, entzündet. Von daher: Ja, es gibt eine Menge „Kritik“, die inhaltlich obsolet und formal unter aller Sau ist und weniger den produktiven Dialog im Sinne hat, als schlichtweg sich das Mütchen zu kühlen. Natürlich von keinem der hier Mitlesenden, aber man kann sich schon schön mit Müll überschütten lassen, wenn man sich da in die Brandung stellt.

Ob man nun in so einer offiziellen Veröffentlichung auch schreiben soll, dass es durchaus auch Blindgänger zwischen der Kritik gibt, die man ignorieren wird, ist ein anderes Thema. Tradition ist es alles dankend entgegen zu nehmen, die wichtigen Kritiken zu lesen und gegebenenfalls einzuarbeiten und den Unfug fein säuberlich in die Rundablage einzuordnen und sich seinen Teil zu denken. So spart man sich Stress und alle sind mit der Illusion der alles eifrig in sich aufnehmenden Kritikannahme zufrieden. Auf der anderen Seite ist Tachelese gefordert worden und in diesem Falle hat man genau das auch bekommen. Ja, es gibt „Kritik“, die formal so unter aller Sau und inhaltlich entweder am Thema vorbei ist oder nur aus immer wieder wiederholten Uralt-Kritikpunkten besteht und keinerlei Nährwert hat. Ja, sowas wird, meiner Meinung nach zurecht, nicht übermäßig beachtet. Dafür hat man sich aber wiederum den Zank ins Haus geholt, denn, wir erinnern uns, Deutschland-Kritik-berechtigt…

Zum Abschluss sei gesagt: Ich hoffe die Nummer mit der Feedback-Mailadresse funktioniert. Der Servicegedanke dahinter ist löblich und der Arbeitsaufwand nicht zu unterschätzen. Außerdem wünsche ich allen Beteiligten, dass sie einen guten Regenschirm haben, denn der Shitstorm dürfte sich noch was halten.

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7 Antworten zu Knietief waten durch PR

  1. Praesi schreibt:

    Sehr schön! Das wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Eigentlich gibt es nichts, worüber es sich aufzuregen lohnt. Wenn man einen Strich unter die Fanrichtlinien macht und zusammenzählt (und auch einiges ‚rauskürzt was da rein rechtlich nicht haltbar oder schlicht überflüssig ist), dann bleibt der absolute Standard übrig. Viel Aufregung und Geschreibsel um die Aussage „Wir können und werden auf Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen künftig verstärkt auf unsere Rechte achten!“
    Allerdings hätte Ulisses sich nicht selbst durch diverse Ankündigungen unter Druck setzen sollen. Dadurch hat sich Herr P. ja quasi selbst dazu gezwungen, den Kessel mit der noch brodelnden Suppe aus Neuigkeiten und Richtlinien rotglühend auf den Tisch zu stellen. Das sich einige Übereifrige (aber auch einfach nur Hungrige) Fans den Lappen daran verbrennen und vor Schmerz laut aufschreien war vorherzusehen! Dazu kommt dann noch, das da nicht „mit Liebe gekocht“ wurde: neben den Zutaten, die vielen Essern ansich schon nicht schmecken dürften, wurde das Gericht auch noch PR-technisch ordentlich versalzen!
    ‚Gut Ding will Weile haben‘!
    Es gab durchaus schon genug Zeit, in der man die Zutaten sorgfältig hätte zusammenstellen und verarbeiten können. Und wenn die Zeit tatsächlich zu knapp war, dann hätte nichts dagegen gesprochen, sich noch ausreichend mehr davon zu nehmen. Stattdessen stellt man ein Schild vors Restaurant: „Morgen Haute Cuisine vom Sternekoch! Hammerlecker und jeder wird satt!“. Serviert wird dann ein überwürzter Graupeneintopf, und gegessen wird mit Plastiklöffeln aus dem Fanpaket… .
    Nicht falsch verstehen: das hier ist auch nur ein Kommentar. No hot feelings or offense to anyone!
    Mist, jetzt habe ich Hunger! 😉

  2. Backalive schreibt:

    Meine Hochachtung und meinen Respekt.
    Ein Artikel, wie ich ihn mir eigentlich von Herrn Plötz oder Herrn Truant gewünscht hätte.

    Ehrlich gesagt, bin ich nir über den Neuzugang von ‚Eisparadies‘ etwas im unklaren; meine Grundstimmung könnte ich vorrangig als ablehnend beschreiben.
    Auf der einen Seite werden auf Jahr und Tag viele bekannte, mit dem System vertraute, ebenfalls aus der Fanszene stammende, von der Community vielfach hochgeschätzte Autoren und Redakteure vergrault, entlassen und gefeuert.
    Andererseits kommt schon bald darauf zur Unterstützung ein neues Schwergewicht der Rollenspielszene als Unterstützung wieder hinzu; jedcoh ein systemfremdes Schwergewicht.
    Das ist etwas, was ich als sehr befremdlich empfinde.

    Ich kenne DSA seit seinen Anfängen (kaufte meine erste Basisbox im November 1984) und habe als Spieler die Zeiten von Schmitt-Spiele und FanPro sowie jetzt auch wieder den Übergang zu Ulisses erlebt.
    Die Beschränkung der Kommunikation des Verlages nach außen auf 3 Kanäle, also dem Forum, Con’s und der Feedback-Mailadresse sehe ich äußerst kritisch, mit vielen Nachteilen behaftet.
    Im Ulisses Forum wird man nur wahrgenommen bzw. findet Beachtung, wenn man eben keine Kritik äußert. Lobhudelei und nach dem Mund reden sind hier das vorrangige Gebot.
    Auf Con’s ist es ähnlich. Ein Herr Truant oder Herr Plötz geben sich nicht mit dem einfachen Con-Nerd ab. Hier muß man schon etwas offizielles sein, mindestens der Vertreter eines Fanzines oder ähnlich.
    Die Beschränkung des eMail-Kontaktes auf eine einzige eMail-Adresse sehe ich am schwierigsten. Hier sitzen ’nur‘ zwei Leute, auch noch Frischlinge im Geschäft, um alle Anfragen, Vorschläge, Eingaben und Kritik zu bearbeiten, wobei sie selbst wahrscheinlich kaum etwas entscheiden können, sondern Rückfrage bei Herrn Truant halten müssen.
    Wie das auf Dauer bei dem noch stärksten Rollenspielsystem in Deutschland funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen.

    Rechtliche Absicherung schön und gut. Aber dann hätten die Richtlinien klarer, strikter abgegrenzt sein müssen. Oder besser, wie oben im Artikel angesprochen, man soll reden miteinander. Also warum nicht diejenigen, die lizenzrechtlich aufgefallen sind, nicht direkt darauf ansprechen.

    Ich verstehe einfach nicht, warum man ohne Not sich letztendlich aufführt wie ein außer Kontrolle geratener Harvester im Walde.

  3. eismann2060 schreibt:

    Nur um als herrschender Diktator dieses Blogs einige Punkte klarzustellen:
    1. Manche Leute nennen mich „Eismann“, aber keiner „Eisparadies“. Das Eisparadies ist dieses Blog hier (und war vorher mal ein Forum, für die etwas älteren unter uns). Man sammelt mit der Zeit sicher einige Namen, aber Eisparadies gehört bei mir nicht dazu. Und eins kann ich definitiv bestätigen: Dieses Blog ist kein Neuzugang bei Ulisses, höchstens in der Blog-o-Sphäre.
    2. Zu Fragen und Informationen rund um das Thema „Oh-Mein-Gott! Der Eismann ist DSA-Autor geworden!“ siehe hier: https://eisparadies.wordpress.com/2011/07/23/autorenmigration/
    3. Ich habe da deutlich andere Erfahrungen im Ulissesforum gemacht.
    5. Ingo ist definitiv kein Frischling.
    Zu allem anderen habe ich glaube ich schon einiges geschrieben. Heilige Kuh und so…

  4. greifenklaue schreibt:

    @Backalive: Also, auch wenn ich Fanziner bin und daher anscheinend Exklusivtermine mit den herren bekommen, wollt ich doch kurz darauf eingehen. Bei Pathfinder auf der RPC war es vor zwei Jahren so, dass Mario Truant angekündigt den Fans zur Verfügung stand – leider nutzen das nur zwei Frischlinge (und ich, aber als Pathfindervertreter). Dieses jahr gab es ja die große DSA-Ankündigung, dafür standen 10 Leute vom Übersetzerteam dem Fan zur Verfügung – allerdings blieb es bei der Anzahl … Es gibt also solche Angebote, auch sei das Meet and great bei Ulisses erwähnt, bei der man stündlich verschiedenen Mitarbeiter und Redakteure treffen kann.

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