Ideennachttopf

Die besten Ideen kommen einem auf dem Klo oder kurz vor dem Einschlafen. Eine Binsenweisheit eigentlich, aber etwas wahres ist schon dran. Ich habe mir angewöhnt neben meinem Bett einen großen Block und einen Stift bereit liegen zu haben. Der Block muss groß sein, weil ich keine Lust habe alle paar Minuten das Licht anzumachen, meine Schrift im Dunkeln auf kleinen Zetteln aber… naja, man kann es sich denken.

Schauen wir mal, was heute Nacht so dabei rum gekommen ist:

– Gerüchteküche: Steckbrief Zibbels Johann, Andergast Bündnis mit Orks, Hirnschlag Thietmar

– Richtschwert im Limbus

Die Herausforderung besteht natürlich darin am nächsten Morgen noch zu wissen, was zur Hölle man damit gemeint haben könnte, aber es funktioniert meistens.

Fangen wir klein an: Es geht um einen Abschnitt Gerüchteküche, der dem Spielleiter eine Reihe von Gerüchten an die Hand gibt, die die Spielwelt mit Leben füllen soll, ohne zwingend für die Handlung des Abenteuers relevant zu sein. Andergast Bündnis mit Orks ist einfach. Das Gerücht geht um, dass die Andergaster sich im Krieg gegen Nostria Unterstützung bei den Orksen holen wollen. Richtschwert im Limbus bezieht sich auf den Daumenschrauben-Abschnitt für einen Kampf mit einem Heshtoth. Wenn der zu wenig austeilt, weil die Charaktere zu schwer gerüstet sind, zieht der das Richtschwert aus dem Limbusärmel.

Aber kommen wir zu den kryptischeren Anmerkungen: Als Historiker hat man das große Glück ab und an über interessante Quellentexte zu stolpern, die geradezu danach schreien für Fantasyzeugs verwurstet zu werden. Dazu gehören auch Hirnschlag Thietmar und Steckbrief Zibbels Johann. Ersteres bezieht sich auf einen Absatz, den ich vor Jahren mal in der Chronik von Thietmar von Merseburg gelesen habe und der sich zum Glück in meinem Gedächtnis festbeißen konnte. Ich spar mir die lateinische Version, das wäre nur Bildungsprahlerei, speziell weil mein Latein auch eher mau ist, und komme gleich zur Übersetzung:

Zu des Caesar Zeiten lebte in der Stadt Magdeburg der Dekan Hepo, ein heiterer, für sein Kloster und besonders für den Chor sehr brauchbarer Mann. Der verlor im hohen Alter nach einem ausgereiften Lebenswerk plötzlich vom Schlag getroffen die Sprache, doch durch die Hilfe des höchsten Arztes vermochte er sehr schön mit den Brüdern die Psalmen zu singen. Sonst freilich konnte er kaum noch flüstern. Wir erkennen an diesem Wunder die preiswürdige Kraft Christi, die einem treuen Diener offensichtlich in Vielem Kräfte verleihen kann.

(Wer nachschlagen will: Holtzmann, Robert, Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum germanicarum nova series Band 9, Berlin 1935, Buch 4, Kapitel 64, Übersetzung nach: Thietmar von Merseburg, Chronik, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters Band 9, Trillmich, Werner (Übers.), Darmstadt 1966, S. 181.)

Für die Gerüchteküche in einer Fantasy-Mittelalter-Stadt (ich habe gelernt, dass man das auch Fantelalter nennt) ist sowas natürlich super. Ein bisschen umformuliert, XY-Tempel reingeschmissen und fertig ist die Laube für ein Gerücht, das die Runde macht. Ähnlich sieht das mit dem Zibbels Johann aus. Der ist mir während eines Seminars in einer offenkundig schon mehrfach nachkopierten Edition in die Hände gefallen. Ich zitiere auch hier:

VERZEICHNÜS

Derer annoch herum vagirenden Räuber und Vagabunden, welche, der in Duisburg inhafftirter Zigeuner Johannes Schleger, entdecket hat, in Anno 1734.

1. Zibbels Johann, ein kurtz gesezter Kerl, mit krausigten gelben Haaren, oben dem Lincken Aug ein Schnitt habend, trüge Sack-Pistohlen bey sich, ein Ertz-Schelm und Mörder, habe auch bereits zu Dinslacken und zu Mülheim auf dem Hause Bruch in hafft gesessen und ausgebrochen.

2. Dessen Huhre, die Cöllsche Lehn genannt, ein schmahl lang Fraumensch, 20. jährigen Alters, ist aus einem Kloster in Cöllen als Nonne weggelauffen, nachdeme sie vorhin ihr eigenes Kindt umgebracht, ein braunen Lacken Flenellen Sargen Rock und ein braun Lacken Wammes tragend.

3. Mageren Liss, ein lan schmahl Fraumensch ein bunten Rock tragend.

4. Mechteltgen von Broel, ist zu Linn im Cöllnischen aussgepeitschet, und dan

5. Gerdruit, ein kurtz gefsetzt Fraumensch von Cöllen bürtig, diese obgemelte Drey Fauleute hielten sich ebenmäßig bey bemeltem Zibbels Johannes auf, und seynd dessen Huhren.

6. Kiel Stricker, ein lang schmahler Kerl, lang spitzigen Angesichts mit krausen gelben Haaren, verschiedene Schnitte über die Backen habend, ist zu Stralen im Geldrichen mit gemelten Zigeuner Joh. Schleger ausgestrichen.

7. Dessen Huhre Jenneken Jonckers, kleiner Statur, röhtlichen Angesichts, ist ebenmässig mit ihrem Kerl zu Stralen ausgepeitschet und gebrandmahlet. Solle jenseit Rheins an der so genannten todten Juden Herberg bey Cöllen, ihr eigenes Kindt umbgebracht, und unter einen Galgen begraben haben.

Die Quelle geht noch einige Seiten weiter und hat 107 (!) Einträge von verdächtigen Personen aus dem Rheinland. Ich denke dazu muss man nicht viel sagen, der Text ist kein Steinbruch, sondern eine Goldader. In Formulierung, Begriffsverwendung (ich mag besonders „Fraumensch“ und „Ertz-Schelm“), aber auch in den Schicksalen, die er im Amtsdeutsch des 18. Jahrhundert kurz und präzise beschreibt, dazu die mit erwähnten Rechtspraktiken und die Überlegung, was sie wohl mit Johannes Schleger angestellt haben, damit er all diese Leute verrät… Egal wie kreativ man ist, die Realität hat ein kaum zu überbietendes Repertoire an bemerkenswerten Geschichten.

Ach ja: Zippel kommt aus der Kölner Mundart und bedeutet Zipfel, wird aber auch umgangssprachlich für ein unruhiges Kind gebraucht. Zibbels Johann war also wohl ein eher unruhiger Geselle.

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Eine Antwort zu Ideennachttopf

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